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Die Interaktiven Foren beim C2CC21 in Freiburg: Von Normen, C2C-Quartieren und neuen Geschäftsmodellen

Etappe 1: Freiburg 

Beispiele aus der Praxis zeigen, wie vielfältig Cradle to Cradle angewendet werden kann. Für unsere erste Congress-Etappe in Freiburg haben wir uns drei Bereiche herausgepickt und kommunale Vertreter*innen, Expert*innen von Organisationen wie DIN und DGNB sowie Anbieter von innovativen Geschäftsmodellen, die C2C-Wirtschaften fördern, zu Wort kommen lassen. Darüber hinaus konnten sich in diesen interaktiven Foren auch die Teilnehmenden vor Ort und im Livestream einbringen.

 

Im ersten Forum, ausgerichtet vom Deutschen Institut für Normung (DIN), drehte sich alles um das Thema Standards und Normen und wie diese zu einer zirkulären Bauwirtschaft beitragen können. DIN-Präsident Dr. Albert Dürr wies in seinem Grußwort auf den dringend benötigten Wandel in der Bauwirtschaft hin. Die Branche verbraucht in Deutschland rund 60 Prozent aller Ressourcen und ist für mehr als die Hälfte des gesamten Abfallaufkommens verantwortlich. “Ändern sich die heutigen Produktions und Konsummuster nicht, sind Klimawandel, Umweltverschmutzung und Ressourcenknappheit absehbare Folgen. Dies betrifft auch den Bausektor weltweit einen der wirtschaftlich bedeutendsten, aber auch äußerst ressourcenintensiven Wirtschaftszweig”, sagte Dürr. 

 

Um wertvolle endliche Ressourcen im Kreislauf führen zu können brauche es Transparenz bei der Verwendung von Rohstoffen, Sekundärrohstoffen und bei Verbauverfahren. Digitale Produktpässe, in denen Materialqualität, Wertschöpfungsketten und Produktions- oder Einbauprozesse festgehalten werden können, seien dafür ein gutes Instrument. Um dabei das volle Potenzial zu schöpfen, sei es unerlässlich, für Produkte und Prozesse Qualitätsstandards festzulegen. “Persönlich bin ich davon überzeugt, dass Normen und Standards von DIN und Cradle to Cradle einen wesentlichen Beitrag bei der Transformation zu einer zirkulären Bauwirtschaft leisten werden”, so Dürr.

Standards vereinfachen zirkuläres Bauen 

Moderiert durch Benjamin Hein, Leiter der Geschäftsfeldentwicklung Circular Economy bei DIN, diskutierten Lars Baumgürtel, CEO des Metallverarbeiters ZINQ, Dr. Patrick Bergmann, Geschäftsführer des Building Information Modeling-Anbieters Madaster, Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung bei der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) und der Architekt und Gesellschafter von HPP Architekten, Antonino Vultaggio, weiter über das Thema. Eine zentraler Diskussionspunkt war, ob Standards und Normen innovationsfördernd sind oder Innovationen sogar verhindern könnten. Die Panelist*innen waren sich einig, dass es dabei auf die richtigen Normen und Standards und auf das richtige Maß ankomme. “Standards machen zirkuläres Bauen erklärbar und greifbar”, sagte Anna Braune. Dabei dürften sie Projekte aber nicht ausbremsen und zum Hindernis werden. Die DGNB befinde sich gerade im Anerkennungsprozess, um Cradle to Cradle als Qualitätskriterium in ihre Gebäudezertifizierung aufzunehmen. 

Auch für die Vergleichbarkeit von Daten spiele Standardisierung eine wichtige Rolle, sagte Patrick Bergmann. Mit Madaster bietet er eine offene Online-Plattform für zirkuläre Produkte und Materialien, die einen tagesaktuellen Überblick über den Wert des verbauten Materials bei Bauprojekten ermöglicht. Solche Instrumente können nicht nur dabei helfen, die Qualität eines Gebäudes digital festzuhalten. Sie sichern auch die Rückbaubarkeit ohne Qualitätsverlust und bilden so eine Grundlage für neue Finanzierungsmodelle im Immobilienwesen. 

Antonino Vultaggio und Lars Baumgürtel boten Einblicke in die Praxis des zirkuläres Bauens. Vultaggio ist für das zukunftsweisende Holzhybridprojekt „The Cradle“ verantwortlich, das derzeit in Düsseldorf nach Cradle to Cradle-Kriterien gebaut wird. Bei der Umsetzung habe eine Benchmark gefehlt, berichtete er. Auch dabei könnten Standards in Zukunft helfen. “C2C-Kriterien sind meiner Meinung nach die besten Kriterien, nach denen man zirkulär produzieren kann”, ergänzte Baumgürtel, der unter anderem feuerverzinkte Stahlfassaden verbaut, die C2C-Kriterien entsprechen.

Vom Bauwerk zur Quartiersentwicklung

Im zweiten Forum diskutierten Prof. Dr. Iris Belle, Leading Consultant Smart City Solutions beim Immobilienunternehmen Drees & Sommer, Ashleigh McLennan, Sustainable Economy and Procurement Officer beim ICLEI European Secretariat und Dr. Klaus von Zahn, Leiter des Umweltschutzamtes Freiburg darüber, wie Cradle to Cradle als Bestandteil von urbanen Entwicklungsprozessen zu nachhaltigen und resilienten Quartieren und Regionen führen kann. Moderiert wurde das Panel von Gerald Babel-Sutter, CEO der Urban Future Global Conference sowie Lorena Zangl, die bei Cradle to Cradle NGO als Referentin Kommunale Entwicklung unter anderem das Netzwerk C2C Regionen betreut.

 

In der Diskussion wurde deutlich, dass Cradle to Cradle auch in der Quartiersentwicklung eine wesentliche Rolle spielen kann. “Es gibt ein Umdenken in der Quartiersplanung. Es gibt schöne Beispiele aus der Smart-City Landschaft, wo der Städtebau den Cradle to Cradle Gedanken befördert”, sagte Iris Belle. Klaus von Zahn berichtet von den Entwicklungsprojekten in Freiburg, wo unter anderem der Stadtteil Dietenbach als grünes Entwicklungsprojekt hervorsticht. Bisher sei Dietenbach noch weit von einem wirklichen C2C-Quartier entfernt. Dennoch würden bei der Planung ähnliche Ansätze verfolgt. Beispielsweise die Mehrfachnutzung von Dächern durch Begrünung zum Ausbau von Biodiversität, als Ort der Energieerzeugung durch Photovoltaikanlagen sowie als Sozialraum für die dort Lebenden und Arbeitenden. In der Planung sei es wichtig, Nutzungs- und Zielkonflikte genau auszuloten, so Zahn. Ziel in Dietenbach – eine weitere Gemeinsamkeit mit C2C – sei es, mehr als nur nachhaltig zu sein. “Wir hoffen, dass Dietenbach ein klimapositiver Stadtteil wird”, sagte von Zahn. Seine Aufgabe sei es, ehrgeizige Ziele zu entwickeln und dabei Kreisläufe nach C2C zu schließen. “Beim Wasserkreislauf gelingt uns das schon sehr gut”, ergänzte von Zahn. 

 

Ashleigh McLennan beschäftigt sich auf anderem Wege damit, nachhaltige Standards wie Cradle to Cradle in die kommunale Entwicklung zu bringen. “Die öffentliche Beschaffung ist ein wirklich großer Hebel, denn es steht in der EU für 14 Prozent des Bruttosozialprodukts”, sagte sie. Im städtischen Bau wie auch bei nachhaltigen Beschaffungsansätzen sei wichtig, dass damit auch eine neue Bewertung einhergehen müsse. Neben den Gesamtbetriebskosten müssten auch der soziale Mehrwert und positive Umweltauswirkungen eine Rolle bei der Budgetierung spielen. Nur wenn in allen drei Bereichen positive Effekte erzielt würden, sei öffentliches Geld wirklich gut und wertschöpfend eingesetzt. 

Green Deal kann Transformation beschleunigen

Dass die Notwendigkeit für eine wirklich geschlossene Kreislaufwirtschaft auch auf EU-Ebene angekommen ist, sahen alle Panelist*innen als positives Signal. Der Green Deal und das darin enthaltene Circular Economy Package adressieren demnach viele Themen sehr konkret, die eigentlich schon lange auf der politischen Agenda hätten stehen sollen. Das betreffe auch den Bereich öffentliche Beschaffung, für die im Green Deal grüne Mindeststandards vorgesehen sind. Für die Panelist*innen ist C2C als Teil der urbanen Entwicklung ein Weg, die Ziele des Green Deal zu erreichen. Allerdings müsse die Begeisterung dafür in den Regionen zu konkreten Handlungen führen. “Es ist toll, diese politischen Signale zu haben. Aber die Umsetzung geschieht auf lokaler Ebene. Sie muss von den Städten vorangetrieben werden”, sagte McLennan. 

 

Auf europäischer und lokaler Ebene seien starke Netzwerke erforderlich, damit Städte und Gemeinden bei der Umsetzung von C2C voneinander lernen könnten.  “So etwas zu machen ist schon ein bisschen crazy. Man braucht eine Menge Energie, Überzeugungsarbeit und engagierte Leute. Das schafft man alleine niemals”, so von Zahn. Diese Erfahrung macht auch Lorena Zangl bei der Koordination des Netzwerk C2C Regionen. “Unserer Erfahrung nach ist Unsicherheit ein großes Problem. Deshalb muss man zeigen, wie es funktionieren kann. Man muss positive Beispiele bekannt machen, um Planungsakteuren die Angst zu nehmen”, sagte sie. Genau das sei ein Ziel des Netzwerks: Eine Plattform für Austausch und Interaktion zu schaffen, um auf Basis von Best Practices jedes neue Entwicklungsprojekt nach C2C ein wenig einfacher zu machen. “Wir möchten zeigen, dass es positive Beispiele gibt und andere Kommunen bestärken und inspirieren, sich auf den Weg zu machen”, so Zangl. 

Services, die eine C2C-Wirtschaft fördern

Im dritten Forum sprachen Marcel Gröpler, Leiter der Fachabteilung Green Building der Lindner Group und Stephan Ketterer, Leiter des Business Development bei der Deutschen Lichtmiete Vermietgesellschaft über innovative Produkt-Service-Modelle und wie diese in einer zirkulären Wirtschaft dazu beitragen können, Rohstoffkreisläufe vollständig zu schließen.

Lindner stattet unterschiedliche Gebäudetypen mit Wand-, Boden- und Deckensystemen wie Glastrennwände oder Deckenpaneele aus. Zudem ist das Unternehmen in der technischen Gebäudeausstattung und im Reinbau tätig.  Die Deutsche Lichtmiete bietet Licht als Service an, speziell im industriellen Umfeld. Für beide Unternehmen sind Produkt-Service-Modelle die sinnvolle Ergänzung zu C2C auf Produktebene, da so zumindest unternehmensintern technische Ressourcenkreisläufe geschlossen werden können. 

Ökonomisch und ökologisch sinnvoll

Lindner verwende bei der Produktion seiner C2C-Produkte Energie aus erneuerbaren Quellen und bereite Wasser auf, um es wieder in die Produktion zurückführen zu können, sagte Marcel Gröpler. Diese Produktion habe sich für Lindner als “ökonomisch sinnvoll, ökologisch und sozial wertvoll” herausgestellt. Ziel sei es, mittelfristig komplett CO2-neutral zu produzieren und in allen Bereichen eine direkte Kreislaufführung zu forcieren. Dabei soll die Digitalisierung von Produkten und Materialien sowie Verarbeitungsprozessen helfen, an der das Unternehmen derzeit arbeite.

Die Deutsche Lichtmiete setzt bei ihren Produkten ausschließlich auf Vermietung. Das hänge auch mit der Qualität der LED-Leuchten zusammen, die zum Einsatz kommen, so Stephan Ketterer. 2010 startete das Unternehmen mit dem Verbau von Leuchten von Fremdherstellern. Allerdings überzeugte die Qualität der LEDs damals nicht, so dass Deutsche Lichtmiete selbst in die Produktion einstieg. Preislich seien die eigenen LEDs mit hochwertigen Komponenten im Verkauf nicht wettbewerbsfähig gewesen, daher würden sie ausschließlich vermietet.

Von der einfachen Miete bis hin zum pay per use-Modell bietet Deutsche Lichtmiete unterschiedliche Möglichkeiten an, Licht als reinen Service in Anspruch zu nehmen. Defekte Leuchten werden nach der Nutzung zurückgenommen, überarbeitet und zurück in den Kreislauf geführt. Leuchten von Fremdherstellern werden getrennt nach Wertstoffen entsorgt und so möglichst in den Recyclingprozess eingebracht. 

“C2C ist für uns ein Must-Have und wird unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern”, sagte Gröpler. Auch Lindner nimmt seine Produkte nach der Nutzung zurück und legt daher großen Wert auf eine gute und langfristige Geschäftsbeziehung mit den Kunden. Das sei unerlässlich, um nach der Nutzung auch einen unkomplizierten Rückbau gewährleisten zu können. Durch die Rücknahme und Wiederverwendung von Rohstoffen sei es möglich, C2C im Unternehmen zu skalieren. “Man kann seine Produkte nachhaltig entwickeln ohne dass es teurer wird”, sagte Gröpler abschließend.

 

Blog I: Wir starten mit einem Knall in den C2CC21

 

Blog III: Vielfältige Keynotes zur Skalierung von C2C-Lösungen beim C2CC21 in Freiburg