Am 19. Mai 2026 versammelten sich zahlreiche Menschen im C2C LAB in Berlin, um gemeinsam einen Schritt weiterzugehen: von der Frage, wie wir Energie weniger schlecht erzeugen, hin zu der Frage, wie wir sie wirklich gut machen können. Fachleute aus Energiewirtschaft, Forschung, Kommunen, Verbänden, NGOs und Politik diskutierten die Ergebnisse unserer neuen Publikation „Energie & Cradle to Cradle: Zirkuläre Energiesysteme mit positivem Beitrag für Strom, Wärme und Verkehr“, die Cradle to Cradle NGO gemeinsam mit der E.ON Foundation erarbeitet hat. Der Report wurde anschließend an Vertreter*innen aus der Politik übergeben, als Einladung, die darin formulierten Hebel in Planungsprozesse und Gesetzgebung einzubringen.
Die Ausgangslage: Eine strukturelle Lücke
Unser Energiesystem kann günstiger, resilienter und unabhängiger werden, wenn es konsequent zirkulär gedacht wird. Die Zahlen sprechen für sich: Deutschland gibt seit 2008 im Schnitt 81 Milliarden Euro pro Jahr für fossile Energieimporte aus, fast 1.000 Euro pro Kopf. Die gesamten Investitionen in erneuerbare Energien lagen 2023 mit rund 37 Milliarden Euro bei weniger als der Hälfte davon. Russlands Angriff auf die Ukraine und die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten machen deutlich: Diese Importabhängigkeit ist keine historische Ausnahme. Sie ist strukturell.
Die Weiterentwicklung des Energiesektors wird dennoch in der Breite überwiegend als Frage der Energiequelle verhandelt. Welche Materialien in Windrädern, Solarmodulen, Batterien, Wärmepumpen und Leitungsnetzen stecken, wie diese wiedergewonnen werden und welche Kosten am Nutzungsende entstehen, bleibt in Planungs- und Fördersystemen weitgehend unsichtbar. Neue Rohstoffabhängigkeiten entstehen, Entsorgungskosten werden auf die Zukunft verschoben, und eine wesentliche Quelle von Kostenstabilität bleibt ungenutzt.
Dabei ist das wirtschaftliche Potenzial klar beziffert: Eine aktuelle Studie von Boston Consulting Group und dem Bundesverband der Deutschen Industrie zeigt, dass konsequent zirkuläres Handeln die Kosten der Energiewende bis 2045 um 38 Milliarden Euro senken könnte. Das ist keine politische Agenda. Das ist eine Wirtschaftsrechnung.
Was Cradle to Cradle damit zu tun hat
Cradle to Cradle (C2C) beginnt nicht bei der Optimierung bestehender Lösungen, sondern bei der Frage, wie Produkte und Systeme von Grund auf neu gedacht werden können. Produkte und Infrastrukturen werden so entworfen, dass sie von Anfang an gesund (toxikologisch unbedenklich), kreislauffähig und positiv wirksam sind. Materialien werden so eingesetzt, dass sie als biologische oder technische Nährstoffe zirkulieren können. Energie stammt aus erneuerbaren Quellen. Ziel ist nicht Schadensbegrenzung, sondern
ein Mehrwert für Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft. Übertragen auf Strom, Wärme und Verkehr heißt das: Die Qualität der Energiequellen und der nachgelagerten Systeme und Infrastrukturen ist entscheidend. Klassische Debatten fokussieren häufig auf Verbrauch, Effizienz und CO₂-Einsparung. Die C2C-Perspektive erweitert diesen Blick.
Drei Roundtable, 60 Expert*innen, ein gemeinsamer Befund
Um konkrete Antworten zu erarbeiten, haben Cradle to Cradle NGO und die E.ON Foundation drei Roundtable zu den Sektoren Strom, Wärme und Verkehr durchgeführt. Rund 60 Fachleute aus mehr als 50 Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Kommunen und Verbänden diskutierten Designkriterien, Geschäftsmodelle und regulatorische Rahmenbedingungen. Die zentralen Fragen: Wo liegen die Hindernisse? Welche Lösungen existieren bereits? Und was muss sich ändern, damit sie skalieren können?
Der Befund war sektorübergreifend eindeutig: Die Energiewende ist in ihrer heutigen Ausgestaltung unvollständig, weil Materialien, Geschäftsmodelle und regulatorische Rahmenbedingungen nicht zusammenpassen. Kreislauffähige Lösungen scheitern heute nicht am fehlenden technischen Wissen, sondern an Rahmenbedingungen, die ihre wirtschaftlichen Vorteile nicht sichtbar machen.
Was der Report konkret sagt
Strom: Materialität als blinder Fleck
Photovoltaikmodule, Rotorblätter und Batterien werden heute überwiegend ohne klare End-of-Life-Strategie gebaut. Kreislauf- und Recyclingpfade sind für viele Komponenten noch nicht im industriellen Maßstab vorhanden. Das Energierecht erschwert lokale Quartierslösungen durch komplexe Entgelt- und Abgabenregimes. Gleichzeitig beginnt die Finanzwirtschaft, Materialrisiken in Kreditbedingungen einzupreisen: Unternehmen ohne Kreislaufstrategie werden künftig mit schlechteren Konditionen rechnen müssen.
Für Geschäftsmodelle bedeutet das einen grundlegenden Wandel: Weg vom reinen Produktverkauf, hin zu Service-Logiken, bei denen Komponenten wie Batterien im Eigentum des Herstellers bleiben. Das schafft einen starken Anreiz, sie reparierbar, modular und hochwertig recycelbar zu gestalten.
Wärme: Der unterschätzte Teil der Energiewende
Der Wärmesektor ist für rund die Hälfte des deutschen Endenergieverbrauchs verantwortlich und trotzdem oft das Stiefkind der Energiedebatte. Der Report zeigt, dass Wärmeanlagen und Netze als Materialbanken designt werden können: modular, demontierbar, mit klar austauschbaren Funktionsmodulen.
Ein konkretes strukturelles Hindernis ist die Kostenneutralitätsvorgabe der Wärmelieferverordnung. Sie erlaubt es nicht, dass neue Wärmelösungen in vermieteten Bestandsgebäuden teurer sind als die bisherigen Heizkosten, selbst wenn erneuerbare Alternativen langfristig günstiger wären. Diese Vergleichslogik blendet steigende CO₂-Preise und die Nutzungsdauervorteile kreislauffähiger Infrastruktur vollständig aus und bremst genau jene Lösungen, die langfristig die wirtschaftlich tragfähige Wahl sind.
Verkehr: Vom Energieverbraucher zum aktiven Teil des Systems
Der Report betrachtet Fahrzeuge als aktive Elemente des Energiesystems: als dezentrale Speicher, Erzeuger und Rohstofflager. Regulatorisch ist diese Rolle heute nahezu unsichtbar.
Im Mittelpunkt steht das Batterieproblem. Batterien binden erhebliche Mengen kritischer Rohstoffe, die überwiegend aus Drittstaaten stammen. Lineares Design und fehlende Standardisierung verhindern, dass sie nach dem Fahrzeugeinsatz wirtschaftlich in stationären Speichern weitergenutzt oder hochwertig recycelt werden. Digitale Produktpässe, die transparent machen, welche Stoffe in welcher Qualität verbaut sind, sind eine zentrale Voraussetzung dafür, dass sich das ändert.
Acht Handlungsempfehlungen und zwei systemische Hebel
Der Report formuliert acht Handlungsempfehlungen für Politik, Kommunen und Unternehmen. Sie sind nicht als parallele Einzelinitiativen zu verstehen, sondern als systemisch verknüpfte Hebel: Designstandards wirken nur, wenn Geschäftsmodelle folgen. Geschäftsmodelle skalieren nur, wenn Regulierung dieszulässt. Die Empfehlungen umfassen unter anderem: C2C als Designstandard für Energieinfrastruktur verankern, Geschäftsmodelle auf Nutzung statt Verkauf ausrichten, Regulierung auf Lebenszyklen und Zirkularität ausrichten, systemisch und kommunal planen sowie Bildung und Qualifizierung ausbauen.
Zwei Hebel haben sich dabei in allen drei Roundtables als besonders wirkungsstark herauskristallisiert, weil sie denselben Engpass von zwei Seiten adressieren: die wirtschaftliche Logik und den politischen Rahmen.
Hebel 1: Zirkuläres Batteriedesign standardisieren
Heute nutzt jeder Hersteller eigene Zellformate. Das macht Demontage, Second-Life-Nutzung und hochwertiges Recycling zu teuren Einzellösungen, die kaum skalierbar sind. Eine standardisierte Zelle, marken- und modellübergreifend einsetzbar sowohl in Fahrzeugen als auch in stationären Speichern, könnte dieses Problem strukturell lösen. Reparatur- und Recyclingprozesse müssten nicht mehr für unzählige Varianten ausgelegt werden, was C2C-Design und Design for Disassembly wirtschaftlich attraktiv macht. Kombiniert mit Batterietauschsystemen könnte sich auch die Eigentumslogik verschieben: Betreiber halten Zellen im Kreislauf, Nutzende kaufen Mobilität oder Energie, nicht Batterien. Erste Beispiele gibt es bereits auf dem Markt. Was konsequent weitergedacht werden muss, ist ein Standard, der Kreislaufführung und Materialgesundheit als verbindliche Designkriterien verankert, nicht nur Kompatibilität.
Hebel 2: Die Systementwicklungsstrategie um Materialkreisläufe erweitern
Die Systementwicklungsstrategie (SES) der Bundesregierung koordiniert als übergeordnetes Planungsinstrument die Sektoren Strom, Wärme und Verkehr. Heute adressiert sie Energieträger und Infrastrukturausbau, nicht aber die Materialien, aus denen diese Infrastruktur besteht. Der Report empfiehlt konkret: Energieinfrastruktur als Rohstofflager planen, Rohstoffresilienz neben Energieversorgungssicherheit stellen, Lebenszykluskosten zum Planungsmaßstab machen und digitale Produktpässe als Planungsgrundlage einsetzen. Die nächste Überarbeitung der SES ist das konkrete Zeitfenster, um diese Erweiterungen einzubringen.
Ein Abend voller Energie und klarer Botschaften
Nora Sophie Griefahn stellte die Ergebnisse des Reports kurz vor und betonte, dass die Lösungen bereits existieren, von kreislauffähigen Solarmodulen bis zur standardisierten Batteriezelle im Tauschmodell. Nun geht es darum, diese Innovationen zu fördern, statt sie zu bremsen. Die Energiewende ist eine der größten Investitionswellen unserer Zeit. Ob daraus Rohstofflager oder Entsorgungsprobleme werden, entscheidet sich heute im Design, im Fördersystem und im Ordnungsrecht. Jetzt ist der Moment für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, gemeinsam vom Planen ins Handeln zu kommen.
Dr. Stephan Muschick, Geschäftsführer der E.ON Foundation, hob hervor: „Am Ende entscheidet sich die Energiewende daran, ob sie für die Menschen funktioniert, nicht auf dem Papier, sondern im Alltag. Genau deshalb schauen wir als E.ON Foundation auf Kreisläufe: weil sie helfen, unabhängiger zu werden und Kosten im Griff zu behalten. Und genau das ist entscheidend für die Akzeptanz der Energiewende.“
Fazit: Die Frage ist nicht ob, sondern wer
Die Frage ist nicht, ob Zirkularität in der Energiewende eine Rolle spielt. Die Frage ist, wer die wirtschaftlichen Vorteile realisiert und wer die Folgekosten trägt, die entstehen, wenn heute Infrastruktur ohne End-of-Life-Strategie gebaut wird. Deutschland und Europa haben die Chance, Energiesysteme so aufzubauen, dass sie Rohstoffsicherheit schaffen, Importabhängigkeiten reduzieren, Preisstabilität stärken und lokale Wertschöpfung ermöglichen. Die Praxisbeispiele im Report zeigen: Das erfordert keine neuen Ideen, sondern die richtigen Designprinzipien, Geschäftsmodelle und regulatorischen Rahmenbedingungen, gesetzt bevor die nächste große Investitionswelle in Infrastruktur fließt, die in 30 Jahren teuer entsorgt werden muss.
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Die Publikation „Energie & Cradle to Cradle“ steht als Vollversion zur Verfügung unter: c2c.ngo/cradle-to-cradle-und-energie







