Text: Christiane Schadow (Bündnis Textil von C2C NGO)
„Es kommt Hoffnung auf. So kann die Welt von morgen sein und sie passiert schon heute“, war unser Eindruck, als wir (Hanna Taya & Christiane Schadow vom Bündnis Textil) die erfrischenden Innovationen der Future Fabrics Expo in uns aufnahmen. Es ist eine Wohltat, wenn man sieht, wie Betriebe weltweit bereits nachhaltig denken, handeln und sich auf der Expo zeigen. Man blickt in die innovative Zukunft der Textilindustrie und zugleich zurück zu ihren Ursprüngen. Zwischen Wolle, Leinen, Hanf, Brennnesseln und Pflanzenfarben, innovativen Zellulosefasern, Materialien aus Pilzmyzel und Algenfasern entsteht das Bild einer Branche, die sich neu erfinden will. Weniger Erdöl, weniger Pestizide, weniger Giftstoffe – dafür mehr Natur, Kreislaufwirtschaft, Transparenz und Nutzungsgesundheit.
Die Textilindustrie ist eine globale Belastung für Umwelt und Gesundheit. Der enorme Wasserverbrauch beim Baumwollanbau, der Einsatz von Pestiziden und giftigen Chemikalien, Mikroplastik aus synthetischen Fasern sowie hohe CO₂-Emissionen und problematische Arbeitsbedingungen gehören seit Jahren zu ihren größten Herausforderungen. Umso bemerkenswerter ist der Innovationsschub, der auf der Future Fabrics Expo 2026 zu erleben war mit rund 150 Ausstellenden und einem kompakten Programm mit 60 Redner*innen.
Die Rückkehr alter Kulturpflanzen
Viele der vermeintlichen Innovationen sind bei näherem Hinsehen eine Wiederentdeckung. Hanf beispielsweise war bereits im 19. Jahrhundert ein wichtiger Rohstoff für robuste Textilien. Die Ausweitung vom Hanfanbau in Großbritannien und Frankreich könnte eine Alternative zur Baumwolle sein. Hanf benötigt im Vergleich zu Baumwolle deutlich weniger Bewässerung und Pflanzenschutzmittel und gedeiht auch in gemäßigten Klimazonen Europas gut. Erste Pilotprojekte untersuchen zudem, ob sich Hanf künftig auch in traditionellen Baumwollregionen wie Bangladesch wirtschaftlich anbauen lässt. SEFF™, LabDenim
Auch Flachs, aus dem Leinen hergestellt wird, gewinnt wieder mehr an Bedeutung. Beide Pflanzen passen gut zu einer regionaleren und ressourcenschonenderen Textilwirtschaft. Alliance for European Flax-Linen & Hemp™
Bananenpalmen, Brennnesseln und Pilzen
Die Vielfalt nachhaltiger Fasern wächst stetig. Abacá, eine Faser aus der Bananenpflanze, nutzt Stämme, die nach der Ernte ohnehin anfallen. Das Material verbindet hohe Festigkeit mit einer sinnvollen Verwertung landwirtschaftlicher Reststoffe. acacia™, BANANATEX™
Eine weitere Renaissance erlebt die Brennnessel. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurden daraus Textilien hergestellt. Die Pflanze wächst in Europa, benötigt wenig Pflege und liefert Fasern mit Eigenschaften, die der Baumwolle ähneln. Nettle Circle AG™
Besonders spannend und relativ neu sind Materialien aus Pilzmyzel und Algen. Aus ihnen entstehen inzwischen Taschen, Schuhe, Schuhsohlen, Jacken, Möbeloberflächen, Autositze und Wohninterieur. Ihr Potenzial ist enorm. MYCEL™, Algen: SEIFIBRE™, SEIYARN™
Zellulose statt Erdöl
Eine wichtige Rolle spielen nachhaltige Zellulosefasern wie Lyocell und Viskose. Ausgangsstoff ist Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Buchen-, Eukalyptuswäldern oder Bambus. Die Fasern bestehen – wie Baumwolle – aus reiner Zellulose. Tencel™, EcoVero™
Beim Lyocell-Verfahren werden die verwendeten Lösungsmittel nahezu vollständig in einem geschlossenen Kreislauf zurückgewonnen. Die Fasern sind biologisch abbaubar und können eine sinnvolle Ergänzung zu klassischen Naturfasern darstellen. Lenzing™, Positive Ma+erials SPINNOVA™, PLNTmatter™
Wolle erlebt ein Comeback
Auch tierische Naturfasern gewinnen mehr an Bedeutung. Wolle überzeugt durch ihre Fähigkeit, große Mengen Feuchtigkeit aufzunehmen, ohne sich nass anzufühlen. Gleichzeitig wirkt sie temperaturregulierend und geruchshemmend. Gerade im Sportbereich ersetzt sie zunehmend funktionelle Kunstfasern.
Auf der Messe präsentierten sich zudem Produzenten von Alpaka-, Lama- und Vikunjawolle aus Südamerika. Viele setzen inzwischen auf transparente Lieferketten, hohe Standards beim Tierwohl und den Erhalt der natürlichen Bestände. Why Alpaca by grupo Inca™, INALPACA TPX™
Biobasierte Kunstfasern – Fortschritt mit Grenzen
Auch synthetische Fasern verändern sich. Statt Erdöl dienen zunehmend nachwachsende Rohstoffe wie Zuckerrohr, Getreidereste oder sogar aus der Atmosphäre gebundenes CO₂ als Ausgangsmaterial. Daraus entstehen biobasierte Varianten von Polyester, Polyamid oder Elastan. Hyosung™, AMSILK™, LEAF BIO™, Fabrics™
Ein entscheidendes Problem bleibt jedoch bestehen: Biobasiert bedeutet nicht automatisch biologisch abbaubar. Sie setzen beim Waschen und Tragen trotzdem Mikroplastik frei. Für Gewässer und letztlich auch für den Menschen stellt dies weiterhin eine erhebliche Belastung dar.
Farben ohne Gift
Besonders eindrucksvoll waren die Entwicklungen bei der Textilfärbung. Die konventionelle Färbung gehört weltweit zu den größten Quellen industrieller Gewässerverschmutzung. In vielen Produktionsländern gelangen Farbstoffe ungeklärt in Flüsse – häufig sichtbar an der jeweiligen Modefarbe der Saison.
Demgegenüber erleben natürliche Pflanzenfarben eine Renaissance. Blätter, Blüten, Rinden und Wurzeln liefern eine erstaunlich breite Farbpalette. Sparxel™, caffe Inc.™ GREEN’ING SARL™, SAGES™
Recycling wird industriell
Parallel zur Future Fabrics Expo fand die Recyclingexpo statt, die deutlich machte, wie rasant sich auch dieser Bereich entwickelt.
Neue Sortiertechnologien erkennen Fasermischungen maschinell und ermöglichen eine wesentlich bessere Trennung gebrauchter Textilien. Ziel ist eine möglichst vollständige Wiederverwertung der Rohstoffe. Ob tatsächlich nahezu 100 Prozent recycelt werden können, hängt allerdings wesentlich von der Qualität des Ausgangsmaterials ab.
Betriebe aus dem italienischen Piemont und der Textilstadt Prato in der Toskana repräsentieren die Professionalität des Textilrecyclings. Alttextilien werden nach Material und Farbe sortiert, mechanisch zerfasert, gekämmt, versponnen und zu hochwertigen Stoffen verarbeitet, die mit Neuware konkurrieren kann. CIRCULOSE™
Eine Branche im Aufbruch
Die spannendste Erkenntnis der Future Fabrics Expo ist vielleicht, dass die Textilien der Zukunft nicht zwangsläufig futuristisch aussehen werden. Viele Innovationen greifen auf Materialien zurück, die der Mensch seit Jahrhunderten kennt: Hanf, Leinen, Wolle oder Pflanzenfarben. Neu sind nicht die Rohstoffe, sondern das Wissen, wie sie sich mit moderner Technologie ressourcenschonend verarbeiten lassen. Die textile Zukunft könnte deshalb weniger in immer neuen Kunststoffen liegen als in einer intelligenten Verbindung von Natur und Hightech.
Die genannten Betriebe sind nur einige Beispiele aus 150 Ausstellern. Mehr Informationen unter www.textilesrecyclingexpo.com


