Canan Bayram ist direkt gewählte Bundestagsabgeordnete des Berliner Wahlbezirks Friedrichshain-Kreuzberg – und da befindet sich auch unser C2C LAB. Mit Tim sprach die Grünen-Politikerin und Juristin im LAB Talk unter anderem darüber, was sich der Rest der Welt von diesem bunten Kiez abschauen kann, welches Alleinstellungsmerkmal die Grünen auszeichnet, wenn alle Parteien über Nachhaltigkeit reden und warum es in Berlin viele Orte wie das C2C LAB geben sollte.  

Canan Bayram hat unser C2C LAB zuletzt bei der Eröffnungsfeier im September 2019 besucht – und seither ist viel passiert. Unter anderem konnten wir durch die Corona-Maßnahmen lange keine Gäste vor Ort empfangen und haben daher die digitalen LAB Talks etabliert. Dabei war klar: Sobald es wieder möglich ist, wollen wir vort Ort mit der Bundestagsabgeordneten darüber sprechen, wie sie die vergangenen Monate erlebt hat und wie sich die Nachhaltigkeitsdiskussion in der Politik aus ihrer Sicht in dieser Zeit verändert hat – auch vor dem Hintergrund des Corona-Pakets, dass die Bundesregierung geschnürt hat, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Am 25. Juni war es soweit.  

“Mein Eindruck ist, dass das Thema Nachhaltigkeit so drängend ist, dass es während Corona nicht von der Agenda gerutscht ist”, sagte Canan. Die Diskussion um die Hilfen für die Autoindustrie habe gezeigt, dass ein Bewusstsein dafür da sei, dass es nicht weitergehen könne wie bisher. Das schreibt Canan auch den Demonstrationen junger Menschen in den vergangenen beiden Jahren zu: “Auch wenn die Jugend derzeit nicht mehr so präsent auf die Straße gehen kann, sie wird mit ihrem Anliegen noch gehört”, ist sich Canan sicher.  

Cradle to Cradle im öffentlichen Diskurs  

Auch Cradle to Cradle sieht sie in diesem Zusammenhang im Diskurs angekommen. Es werde zunehmend darüber diskutiert, dass schon bevor ein Produkt hergestellt oder ein Gebäude gebaut wird, darüber nachgedacht werden muss, was damit nach der Nutzung geschehen soll. Unter anderem wird im Action Plan Circular Economy der EU-Kommission darauf abgehoben, dass nachhaltiges und zirkuläres Wirtschaften bereits beim Design beginnen müsse. Eine Position, die dem C2C Designkonzept entspricht und von uns als NGO daher begrüßt wird.  

Doch wie geht Canans Partei Bündnis 90/Die Grünen damit um, dass solche Positionen auf nationaler und europäischer Ebene nun auch bei jenen Parteien angekommen sind, die sich traditionell wenig mit den Themen Klima und Umwelt beschäftigt haben? “Wir freuen uns, wenn solche wichtigen Themen Konsens werden, aber wir prangern auch an, wenn Greenwashing betrieben wird”, so Canan. Sie sieht gute Chancen für die Grünen, nach der nächsten Bundestagswahl Regierungsverantwortung zu übernehmen, gerade weil sich mit Klima- und Umweltschutz ein traditionell grünes Thema in der Breite durchgesetzt hat. “Jetzt kommt es auf uns an, wir haben die Leute, die dafür brennen und stehen in den Startlöchern. Wir lassen uns da aber nichts vormachen: Wir haben uns die Kompetenz für diese Themen über Jahrzehnte angeeignet”, so Canan.  

Dieser Zeitraum, warf Tim an dieser Stelle ein, spreche allerdings auch für mangelnde Geschwindigkeit. “Wir diskutieren noch immer über die Themen, über die Einige vor 30 Jahren schon diskutiert haben”, sagte er. Die Frage heute sei doch: Wie erreichen wir einen schnellen Wandel, und zwar innerhalb eines demokratisch erreichten Konsenses? Canan ist davon überzeugt, dass die Veränderungsbereitschaft der Bürger*innen heute größer sei als vor Corona – und damit eine der bisherigen Hürden zumindest niedriger geworden ist. “Wenn der politische Wille da ist und damit die Macht, die sich aus einer demokratischen Wahl ergeben hat, dann sind große Veränderungen möglich”, sagte sie. Es brauche aber auch eine Vision und die Vorstellung davon, was geleistet werden könne. “Und dafür braucht es eben auch Orte wie euren hier, wo man hingehen kann und sich die konkrete Umsetzung einer Idee anschauen kann. Wenn es solche Räume gibt haben wir die Kraft, diese Veränderung auch in den Mainstream zu bekommen”, so Canan.  

Friedrichshain-Kreuzberg verbindet Freiheit mit Verantwortung 

In Canans Wahlbezirk Friedrichshain-Kreuzberg sind viele Veränderungen, die auch Cradle to Cradle anstrebt, bereits Realität. Nicht unbedingt im Bereich kreislauffähiger Gebäude oder vieler Unternehmen, die C2C umsetzen. Aber Prinzipien wie Wiederverwenden und Teilen und ein gesundes soziales Miteinander, die eben auch Teil von C2C sind, werden hier stärker gelebt als in anderen Stadtteilen oder Städten. Gleichzeitig steht der Bezirk aber eben auch für eine hedonistische Lebensweise, die die Menschen und das Leben selbst feiert. “Manchmal sind wir aus all diesen Gründen das Schreckgespenst, dass die CDU gerne aufmalt. Aber wir zeigen eben auch, dass es möglich ist, Freiheit so mit Verantwortung zusammen zu bringen, dass es keine Last ist”, so Canan.  

Nachholbedarf hat Berlin aus C2C-Sicht aber noch an vielen Stellen. Ein guter Start wäre, Cradle to Cradle als Kriterium für öffentliche Ausschreibungen einzuführen, wie auch ein Zuschauer bemerkte. Rechtlich sei dies durchaus möglich, so Canan. Und zudem sei der Zeitpunkt gut, solche Forderungen zu stellen, da die Parteien bald damit beginnen, an ihren Wahlprogrammen für die nächste Wahl zu schreiben. “Ich nehme diesen Vorschlag gerne mit und reiche sie an das Land Berlin weiter”, sagte Canan. Der Einfluss der Politik auf die landeseigenen Wohnbaugesellschaften sei “ausbaufähig”. Die Verankerung von C2C-Kriterien in Ausschreibungen seien daher ein probater Anreiz für diese Gesellschaften.  

Der Green Deal als “große Chance für Europa” 

Wichtiger sei es allerdings, auf übergeordneter, und damit auf europäischer Ebene, Rahmenbedingungen für eine lebenswerte Zukunft zu setzen. Ein Gesetz wie jenes zum Verbot von Einwegplastik wäre im nationalen Rahmen nur schwer umzusetzen gewesen, so Canan. “Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will den europäischen Markt regulieren damit sich die Wettbewerbsvoraussetzungen ändern und niemand einen Wettbewerbsnachteil hat. Dann ist es einfacher, bestimmte Dinge in den Markt zu bringen. Das ist eine große Chance für Europa”, schätzt Canan den European Green Deal ein. Hoffnung gibt ihr dabei auch, dass von der Leyen mit der Unterstützung von Ländern ins Amt gewählt wurde, die “normalerweise nicht an der ersten Reihe von Veränderung stehen”. Das sei “ein Hinweis darauf, dass man diese Länder bei Umweltpolitik Einklang mit Wirtschaftspolitik mitnehmen kann”.