Lamia Messari-Becker hat vier Jahre lang die Bundesregierung in Umweltfragen beraten. Sie ist Professorin für Gebäudetechnologie und Bauphysik und setzt sich schon seit einigen Jahren für eine verstärkte Integration der Gebäude- und Stadtentwicklung in die Klimapolitik ein. Am 15. Oktober unterhielt sie sich im virtuellen LAB Talk mit Tim über die Entwicklung des Welterschöpfungstags, die potenziellen Auswirkungen von Ressourcenausweisen und über Gebäude der Zukunft.

Lamia Messari-Becker ist Bauingenieurin und war vier Jahre lang Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen, auch Umweltrat genannt. Der untersteht fachlich dem Bundesumweltministerium, begutachtet die Umweltsituation in Deutschland und spricht Empfehlungen aus. Wieso es unabdingbar ist, eine Gebäudeexpertin im Umweltrat sitzen zu haben, erzählte uns Lamia gleich zu Beginn: 30 % der CO2 Emissionen, 60 % des Abfallaufkommens, 40 % des Energie- und Ressourcenverbrauchs und 70 % der Flächenversiegelung gingen auf die Baubranche zurück, so Lamia. Der Bausektor müsse also eine deutlich größere Rolle in der deutschen Klimapolitik spielen. Neben ihren politischen und Lehrtätigkeiten forscht sie zu Ressourceneffizienz, Klimaschutz und Nachhaltigkeit im Hoch- und Städtebau sowie zu kommunalen Strategien des Klimaschutzes. Seit diesem Jahr ist sie außerdem Mitglied im Club of Rome. Die internationale Denkfabrik wurde 1968 gegründet und setzt sich mit Expert*innen aus mehr als 30 Ländern für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein.

Covid-19 und die planetare Erschöpfung

Am 22. August 2020 war Welterschöpfungstag. Das heißt, seit diesem Tag übersteigt der menschliche Konsum von nachwachsenden Rohstoffen die Kapazität der Erde, diese Stoffe zu reproduzieren. Bis Ende dieses Jahrs bräuchten wir also mehr als eine Erde, damit unser Konsum nicht die planetaren Grenzen übersteigt. 1970 war das erste Jahr, in dem der jährliche Verbrauch die Menge der global zur Verfügung stehenden Rohstoffe überstieg. Seitdem rückt der Erdüberlastungstag immer früher ins Jahr hinein. Bis auf dieses Jahr. 2020 ist der Tag, im Vergleich zum Vorjahr um 24 Tage nach hinten gerückt. Das ist, da sind sich Wissenschaftler*innen einig, auf die Corona Pandemie zurück zu führen und nicht etwa auf die internationale Klimapolitik. Dieses Jahr war und ist auf der ganzen Welt vieles stillgelegt. Laut Tim waren 90 % aller Flüge gestrichen, der internationale Handel wurde eingeschränkt und Infrastrukturprojekte auf Eis gelegt. Vieles lief langsamer ab als vor der Pandemie. Trotz dieser Einschränkungen haben wir bis zum Welterschöpfungstag nur 24 Tage hinzugewonnen. Auch 2020 bräuchten wir Berechnungen zufolge 1,56 Erden, um unsere weltweite Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen zu erfüllen. Und das, obwohl unser Individualkonsum gefühlt sehr drastisch zurück gegangen sei, sagte Lamia. Dies zeige, dass die Musik woanders spiele. Zu entscheiden, dass hier und da eine Straße autofrei gemacht werde oder an Menschen zu appellieren, weniger zu fliegen, sei richtig, werde aber das Ruder nicht herumreißen. Es müssten stattdessen ganze Branchen umgestaltet werden. „Wenn wir uns beispielweise die Abfallproduktion angucken kommt 60 % davon aus der Baubranche. Das sind riesige Mengen, diese gilt es anzugehen“ sagte sie.

Ein Ressourcenausweis für die Zukunft

Umfragen in Europa haben gezeigt, dass die Mehrheit der Bürger*innen den menschlich gemachten Klimawandel als politisch hoch relevant ansehen. Es tue sich trotzdem nicht genug, so Tim. „Die Buchveröffentlichung ‚Die Grenzen des Wachstums‘ des Club of Rome ist fast 50 Jahre her. Wie schaffen wir jetzt einen effektiven Wandel? Wir wollen in 50 Jahren nicht schon wieder zurückdenken und uns fragen müssen wieso wir nicht genug getan haben, obwohl wir es doch wussten“, sagte er. Lamia betonte, anstelle eines oft geforderten ‚system change‘ sei es deutlich effizienter, Probleme und Abläufe zu reformieren, neu zu entwickeln und anzupassen. Ihr fehle in der Klimabewegung oft die Diskussion über zukunftsfähige, grüne Geschäftsmodelle. Zum Beispiel wurden seit 1990 die Emissionen in der Baubranche um 30 % reduziert. Gleichzeitig sei aber der Materialverbrauch gestiegen. Deshalb müsse ganz konkret der Ressourcenverbrauch geregelt werden. Dazu müssten Produkte neu bepreist werden, damit sie ihre tatsächlichen Kosten widerspiegeln. Dazu zähle auch, dass die Materialauswirkungen auf die Umwelt und Kreislauffähigkeit mit in den Preis einfließen. Ein Ressourcenausweis, also ein Zertifikat, das den Lebenszyklus eines Materials bewertet, sei ebenfalls notwendig, so Lamia. Dieser würde Energieaufwand, CO2-Ausstoß und Kosten gleichermaßen betrachten. Die Gebäudenutzung sei nur eine Lebensphase eines Gebäudes. Herstellungsphase, Sanierung, Renovierung und Abriss seien weitere, die auch mit bedacht werden müssten. Ein Ressourcenausweis würde für alle Gebäude erfassen, wie viele Rohstoffe es wirklich verwendet. Dadurch würde das Bewusstsein für die Emissionen im gesamten Lebenszyklus geweckt werden und so neue Anreize für Innovationen entstehen. Dies helfe wiederum dabei, dass Preise von Rohstoffen ihre tatsächlichen Kosten besser reflektieren.

Von angemessenen Preisen zu Kreisläufen

Die Bepreisung von Rohstoffen sei das eine, so Tim. Es sei ebenfalls zwingend notwendig, Materialien im Bau zu verwenden, die kreislauffähig sind. Dafür sei die Bestandssanierung des C2C LAB 2019 ein treffendes Beispiel. Bei der Sanierung des Ostberliner Plattenbaus wurden Materialien gefunden, die hier eigentlich gar nicht hingehörten, so Tim. KMF-Deckenplatten, beispielweise, die aus künstlichen Mineralfasern, Füllstoffen und Bindemitteln bestehen. Die seien nicht recyclebar und können nicht richtig entsorgt werden. „Deshalb haben wir uns natürlich bei der Sanierung all diese Fragen gestellt. Vom eigentlichen Preis von Rohstoffen, über die Kreislauffähigkeit von Materialien, gesunde Wandfarben und trennbaren Fenstern bis hin zu rückbaubaren Dämmungen. Wir wollen so aktiv verhindern, dass unser Baumaterial nach einer Nutzungsphase zu Sondermüll wird“, so Tim. Viel zu viel Baumaterial auf dem Markt sei aber nicht recyclebar. Lamia, als Expertin für Ressourceneffizienz, erklärte, wie sich das ändern lässt. „Ökobeton, zum Beispiel, wurde in der Schweiz direkt als Standard übernommen. In Deutschland sind wir was innovative Ideen angeht noch zu konservativ. Wir müssen Zulassungsverfahren flächendeckend vereinfachen, den Umstieg auf gesündere und kreislauffähigere Materialien attraktiver machen und über regionale Standpunkte nachdenken. Hier spielt neben der Baubranche auch die Politik eine große Rolle“, findet Lamia.

Das Gebäude der Zukunft

Neben Kritik an der momentanen Baubranche, haben Lamia und Tim auch über eine positive Zukunftsvision gesprochen. Für diese ist laut Lamia eine Kreislaufwirtschaft unabdingbar. Es sei hochrelevant, zeitnah eine Lebenszyklus-basierende Wirtschaft in der Baubranche zu standardisieren. Um Unternehmen Anreize für den Umstieg zu schaffen, müsse die öffentliche Hand, also Städte und Kommunen, ihre Beschaffungen nach Nachhaltigkeitsaspekten umgestalten. Das würde zu wachsender Nachfrage nach kreislauffähigen Rohstoffen bei Unternehmen führen. Am Anfang könnte der Umstieg mehr Geld kosten, aber auf den gesamten Lebenszyklus eines Materials geblickt sei es ein finanzieller sowie ökologischer Gewinn für die ganze Kommune oder Stadt. Cradle to Cradle NGO baut aus diesem Grund dieses Jahr ihr Referat Städte und Kommunen (SUK) weiter aus. Dort arbeiten Mitarbeiter*innen daran, Regionen bei der Verankerung von C2C zu unterstützen, beispielsweise über entsprechende Beschaffungsrichtlinien. Die Arbeit von C2C NGO sei für die Baubranche sehr wichtig, so Lamia. Um Zukunftsideen zu etablieren müssten wir experimentieren. Das heiße in dem Fall: machen und bauen – zeigen, dass es funktioniere. Dafür seien informierte Städte und Kommunen unabdingbar. Dabei könne die Arbeit von C2C NGO behilflich sein.