Speaker mit Mikrofon auf der Bühne, schwarzes Hemd und Hose, graue kurze Haare, PoC

City 2050 und Best Practices – C2C in Gegenwart und Zukunft

Etappe 3: Mönchengladbach

Auch bei der dritten Etappe des Internationalen Cradle to Cradle Congresses 2021 in Mönchengladbach diskutierten die zahlreichen Speaker*innen viele interessante Fragestellungen rund um das Thema Urban Future und kommunale Entwicklung nach C2C. Wie funktionieren unsere Städte im Jahr 2050, wie lassen sich C2C-Projekte konkret umsetzen und welche positiven Beispiele gibt es eigentlich schon?

 

Mit dem Programmpunkt zu Best Practice Beispielen erwartete die Teilnehmenden des C2CC21 ein beachtliches Aufgebot verschiedener Speaker*innen, die jeweils in spannenden Kurzimpulsen diverse positive Fallbeispiele für die Arbeit mit C2C gewährten. Dies sollte den Teilnehmenden einen Eindruck geben, wie C2C in der gelebten Praxis funktionieren kann und Städte, Kommunen und Unternehmen dazu motivieren, selbst aktiv zu werden. 

 

Als erste Redner präsentierten Peter Ley, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Kassel und Jochem Schneider, Gründer & Gesellschafter des Architekturbüros Bueroschneidermeyer ihren Entwurf für die Sanierung einer Schule in Kassel nach C2C-Kriterien. Die Schule soll als Beispiel fungieren, wie die Aspekte Nachhaltigkeit und Zirkularität beim Neubau und der Sanierung von Schulen zukünftig eine Rolle spielen können. Hierbei nimmt Ley Städte und Kommunen in die Pflicht: “Wirtschaftlichkeit ist nicht alles, was sie als Maßstab ihrer Entscheidungen zugrunde legen dürfen.” Schulen seien die größte Position beim Investitionsrückstand auf kommunaler Ebene, ergänzte Schneider. C2C sei für ihn der richtige Ansatz, diesen Rückstand aufzuholen. Fest steht, Städte und Kommunen stehen unter Zugzwang. Viele Schulen entsprechen nicht mehr den aktuellen Standards und können durch kreislauforientierte Investitionen zu wahren Vorreitern in der urbanen und kommunalen Entwicklung werden. Darüber hinaus darf C2C nicht an den Schultüren halt machen. „Das Thema Kreislauffähigkeit muss auch in Bildungsprozesse eingespeist werden”, fordert Schneider.

 

C2C in der öffentlichen Beschaffung

 

Auch Patrick Scholz hat das Thema C2C eingespeist: Als Leiter der Kompetenzstelle für Nachhaltige Beschaffung der Stadt Ludwigsburg setzt er eine Dienstanweisung in die Tat um, nach der mindestens 20 Prozent C2C-Kriterien in die Angebotswertung bei öffentlichen Ausschreibungen einfließen müssen. “Bei uns gewinnt nicht das günstigste Angebot den Zuschlag, sondern das Produkt, dass das beste Verhältnis aus Cradle to Cradle und Preis hat”, sagte er. So zeige jede Ausschreibung auch der regionalen Wirtschaft wo die Reise hingehen solle und wirke als Motivator für Unternehmen, ihre Geschäfte in Zukunft kreislauffähig zu gestalten. 

 

Einen eher statistischen Ansatz bei der Untersuchung der nachhaltigen Beschaffung wählte Prof. Dr. Michael Eßig. Am Forschungszentrum für Recht und Management öffentlicher Beschaffung der Universität der Bundeswehr München forscht er zu diesem Thema. Eine seiner Auswertungen ergab, dass der Begriff Nachhaltigkeit zwar häufig in öffentlichen Ausschreibungen vorkomme, in den konkreten Zuschlagskriterien aber nur äußerst selten. Das liege vor allem daran, dass Informationen zur Umsetzung fehlten. “Dass nachhaltige Beschaffung noch nicht breiter umgesetzt wird, hat nichts damit zu tun, dass die Vergabestellen nicht wollen. Es geht um die Frage: Wie mache ich es denn?”. 

 

Antworten auf diese Frage lieferte der Congress in Person von Xiaoming Bai. Der Internationale Marketingdirektor von Tana-Chemie, der Profi-Marke des Reinigungsmittelherstellers Werner & Mertz, sprach sich dafür aus, C2C fest in den öffentlichen Ausschreibungskriterien zu verankern, um die lokale Wirtschaft dafür zu motivieren. “Die öffentliche Beschaffung ist ein großer Hebel für C2C, denn wenn die öffentliche Ausschreibung C2C als Kriterium vorschreibt, dann ziehen auch andere Unternehmen nach”, so Bai. Die öffentliche Hand sei sehr wichtig, und mit einem jährlichen Beschaffungsvolumen von rund 370 Milliarden Euro in der Lage, einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung einer Kreislaufwirtschaft nach C2C zu leisten.

 

Jung, hip, zirkulär

 

Dass C2C vor der Startup Szene keinen Halt macht, ist schon längst kein Geheimnis mehr. Wie jedoch konkrete Ansätze und Methoden in der realen Wirtschaft aussehen, wurde im letzten Best Practice Panel präsentiert. Hierbei stellten Steffen Gerlach, CEO/CFO von EEDEN GerMan, Henrik Stelter, CEO von Texturelab, Hans Peter Schlegelmilch, CEO von Brain of Materials und David Bongartz, Prokurist der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach vor, wie junge Unternehmen den Wandel hin zu einer zirkulären Textilindustrie in Mönchengladbach vorantreiben.

 

EEDEN GerMan verfolgt den Ansatz, Zellulose aus gebrauchten Baumwolltextilien wiederzugewinnen, um so aus einem vermeintlichen Abfallprodukt einen neuen Rohstoff zu gewinnen. Gerlach bezeichnet die Modeindustrie in ihrer derzeitigen Verfassung als „Einbahnstraße zur Mülldeponie“ und wirft gleichzeitig die Frage auf: „Was wäre, wenn Textilabfall nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung ist“? 

 

Ähnlich sieht es auch Stelter, der als einer von drei Gründungsmitgliedern bei Texturelab an der Entwicklung kreislauffähiger Textilien arbeitet. Das dreiköpfige Team überzeugt vor allem durch die Verwendung von pre- und post-consumer Abfällen, wodurch ein ganzheitlich zirkuläres Produkt entstehen kann. „Fast Fashion bedeutet mehr Konsum, kurze Nutzungsdauer und mehr Abfall”, so Stelter, der mit seinem Unternehmen das Gegenmodell sein will.

 

Mönchengladbach als zirkulärer Textilstandort

 

Brain of Materials möchte mit seiner Technologie indes den Produktentwicklungsprozess für industriell verwendete Textilien erleichtern und arbeitet dabei unter anderem mit der Automobilindustrie zusammen, die hohe Ansprüche an die Belastbarkeit von Textilien hat. Schlegelmilch möchte dies mit einem zirkulären Anspruch verbinden. “Wenn es uns gelingt, die Anforderungen der Automobilindustrie zu erreichen, dann können wir aus diesem Bereich heraus weitere Einsatzgebiete entwickeln”, sagte er.

 

Wirtschaftsförderer Bongartz betonte, wie wichtig innovative Geschäftsmodelle im Textilbereich für den Standort Mönchengladbach seien. Daher fördere die Stadt diese Entwicklung mit dem Programm “Textilfabrik 7.0”, bei dem auch diverse Hochschulen und Verbände aus der Region beteiligt seien. Das Modellprojekt solle eine wettbewerbsfähige industrielle Textilproduktion im Jahr 2035 modellieren und so den Strukturwandel im rheinischen Revier in die richtige Richtung lenken. Zirkularität spiele dabei eine wichtige Rolle. “Wenn ich einen Stoff veredle, dann heißt das, dass man ihn 1000 mal waschen kann. Und beim 1001sten mal muss man ihn in den Kreislauf zurückführen können”, sagte Bongartz.

 

„Make good goods“

 

Anschließend ging es mit der Frage weiter, wie Städte und Gemeinden im Jahr 2050 funktionieren werden und was passieren muss, damit die Transformation hin zu einer Kreislaufwirtschaft auch langfristig funktioniert. Herwart Wilms, Geschäftsführer von Remondis Assets & Services adressierte diese Themen in einem Impulsvortrag und skizzierte, welche Herausforderungen in der urbanen und kommunalen Entwicklung in den kommenden Jahren bewältigt werden müssen: Vom Verlust von Biodiversität über die Energiewende, die mit kreislauffähigen Anlagen einhergehen muss, bis hin zu knapper werdenden Rohstoffen. Kreislaufwirtschaft sei eine Lösung dafür, aber dafür müsse diese nicht bei der Abfallwirtschaft beginnen, sondern beim Produkt. „Ich wünsche mir sehr, dass wir 2050 in einer lebenswerten Welt leben und nicht auf die Verzichtskarte setzen. Make good goods”, so Wilms. Die Zukunft seiner Branche, der Entsorgungsdienstleister, könne dann in der Funktion als Rohstofflieferanten liegen. 

 

Fest steht, in allen Wirtschafts- und Entwicklungsbereichen, in denen C2C künftig eine Rolle spielen soll, muss der Kreislaufgedanke ganzheitlich und von Beginn an gedacht werden. Dies bedeutet, dass bei der Entwicklung von Produkten und Prozessen bereits in der Planungs- und Designphase bedacht werden muss, wie der Kreislauf nach Ende der Nutzungsdauer geschlossen werden kann. Design for Circularity nach C2C ist das Stichwort. Ob es sich hierbei um ein T-Shirt, ein Waschmittel oder gar eine ganze Schule handelt spielt keine Rolle.