Text: Nicole Hartmann
Nachdem wir schon am ersten Tag beeindruckende Beiträge gesehen und gehört haben, fächerte sich die Bandbreite von C2C-Lösungen am zweiten Tag des 10. C2C Congress noch weiter auf. Sie reichte von der Baubranche und der Bioökonomie über die Hebel der öffentlichen Beschaffung und notwendigen politischen Regularien bis hin zur sozialen Dimension von Cradle to Cradle. Wir fassen hier die Programmpunkte auf der Hauptbühne zusammen.
Gleich im ersten Panel sprach Prof. Dr. Hermann J. Heipieper, Leiter der Arbeitsgruppe für Mikrobiellen Schadstoffabbau am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, eine Warnung aus. Er thematisierte die ungebremste Zunahme der Plastikverschmutzung. Diesem Problem müsse man vor seiner Entstehung begegnen, man könne es nicht im Nachhinein beseitigen: „Journalisten fragen mich immer wieder, ob wir Bakterien auf Mülldeponien aussetzen können, um das Problem zu lösen – aber so wird sich die Plastikkrise niemals lösen lassen.“ Angesichts einer jährlichen Neuproduktion von 450 Millionen Tonnen Kunststoff richtete er einen dringlichen Appell an die Politik, bessere Designentscheidungen einzufordern und konsequente politische Richtlinien für mehr Mehrweg einzuführen. Als einen Lösungsansatz trug Merijn Everaarts, Gründer des Trinkflaschenherstellers Dopper, seine ungewöhnliche unternehmerische Haltung vor. Seit 2014 setzt Dopper auf modulares Design, Reparaturfähigkeit und ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum und zeigt, wie Cradle to Cradle bestehende Nutzungsgewohnheiten verändern kann: „Ich habe diese Flasche nicht entwickelt, um einfach nur Flaschen zu verkaufen, sondern um eine echte Bewegung ins Leben zu rufen.“
Die Lücke zwischen unternehmerischen und politischen Ambitionen schließen
Im Juni hat das Bundeskabinett das Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) verabschiedet und verfolgt damit das Ziel, den Verbrauch von Primärrohstoffen zu senken, Abfälle zu vermeiden und die Abhängigkeit von Rohstoffimporten zu verringern. Ein erster Schritt ist damit gemacht, es fehlen allerdings noch klare Vorgaben zur Bevorzugung von Produkten mit konsequent zirkulären Design-Ansätzen und zirkulären Geschäftsmodellen. Hier hinkt die Politik innovativen und strategisch klugen Unternehmen hinterher, denn entsprechende Produkte und Prozesse sind längst erfolgreich auf dem Markt. Die Investitions- und Innovationsförderung des Aktionsprogramms muss hier noch deutlich nachgeschärft werden. Daher leitete Moderator Caspar Dohmen von unserem Medienpartner Table.Briefings sein Panel mit der Frage ein, wie ambitioniert die NKWS im internationalen Vergleich tatsächlich sei.
Dr. Matthias Miersch, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, bezeichnete die Strategie als solide Grundlage, wies jedoch auf die politischen Reibungen und finanziellen Engpässe hin, die eine schnelle und konsequente Umsetzung erschwerten: „Es gehört zur Umweltpolitik dazu, dass wir Ziele haben – und dann stellt sich die Frage: Wie setzen wir sie in die Praxis um? Wir haben momentan eine extrem schwierige Situation bei den Finanzen, aber wir haben mit der Strategie zumindest eine Basis geschaffen, auf der wir weiter aufbauen können.“ So solle z. B. ein starkerer Einsatz von Rezyklaten gefördert werden. Wie wichtig das für die europäische Recyclingbranche ist, verdeutlichte Martin Ulke, Segmentleiter Circular Solutions bei Interzero. Er zeichnete ein ernüchterndes Bild: „Wir beobachten derzeit eher einen Rückbau als einen Aufbau von Recyclingkapazitäten in Europa. Neue Produkte aus Asien sind billiger, weil Umwelt- und Transportkosten nicht eingepreist werden. Die europäische Recyclingindustrie steht hier an einem kritischen Kipppunkt.“
Aus wissenschaftlicher Sicht bestätigte Burcu Gözet vom Wuppertal Institut, dass die Strategie eine tragfähige und notwendige Grundlage sei. Gleichzeitig wies sie darauf hin, dass der Fokus von bloßer Abfallwirtschaft hin zur gesamten Wertschöpfungskette verschoben werden müsse: „Wir sind in Deutschland bisher sehr stark auf Recycling fokussiert, aber für eine echte Kreislaufwirtschaft müssen wir Langlebigkeit und Reparierbarkeit von Anfang an mitdenken.“ Auf Langlebigkeit beruht das große Potenzial von Re-Commerce, das Claudia Frese, CEO von Momox, verdeutlichte. Konsument*innen seien vor allem über Preise und Werthaltigkeit erreichbar. Die Politik reagiere jedoch auf veränderte Konsummuster, wie z. B. Ultra Fast Fashion, viel zu langsam: „Verhaltensänderungen entstehen durch positive Erfahrungen und Preise. Damit Geschäftsmodelle wie unseres nachhaltig und profitabel funktionieren, brauchen wir dringend einheitliche europäische Standards für Produktdaten wie den digitalen Produktpass.“
Die soziale Dimension darf nicht zu kurz kommen
Mit Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, hörten wir eine starke Verfechterin sozial-ökologischer Politik. Sie kritisierte die bisherige Debatte um die ökologische Transformation, da diese oft über Verbote und Verzicht geführt werde, statt die Chancen für alle Bevölkerungsschichten aufzuzeigen: „Sozial- und Umweltpolitik sind Geschwister. Wenn die ökologische Transformation gelingen soll, muss sie als sozialer Fortschritt erlebbar werden, gerade für Menschen mit geringem Einkommen“, so Verena Bentele. Während billige Einwegprodukte sozial benachteiligte Gruppen langfristig durch häufige Neuanschaffungen und hohe Betriebskosten finanziell belasteten, fehlten gezielte Förderinstrumente für nachhaltige Alternativen. Sie betonte in ihrer Keynote die Verantwortung der Politik, Rahmenbedingungen zu schaffen, die echtes zirkuläres Wirtschaften ermöglichen: „Langlebigkeit und Reparierbarkeit müssen wieder zum Standard werden. Dafür brauchen wir politische Instrumente und gezielte Entlastungen, damit Nachhaltigkeit kein Privileg für Wohlhabende bleibt.“
Auf dem Panel „Internationale Vorbilder“ erzählten fünf inspirierende Frauen, wie Cradle to Cradle, auch in der sozialen Dimension, in verschiedenen Teilen der Welt bereits erfolgreich vorangebracht wird. Susanne Karcher, Mitgründerin und Direktorin des African Circular Economy Network (ACEN) mit Sitz in Kapstadt, machte deutlich, dass der Kontinent eine starke Reparaturkultur und hochqualifizierte Fachkräfte habe. Die Vision sei, Afrika als globalen Knotenpunkt für Wartung, Reparatur und Refurbishment zu etablieren: „Wir sagen, dass die DNA der Kreislaufwirtschaft in Afrika liegt. Unsere Kernstrategie lautet ‚Zugang statt Eigentum‘. […] Es geht letztlich darum, diese Zirkularität zu bewahren und die Menschen wieder stolz auf ihr kulturelles Erbe zu machen.“
Sunny Lee, Gründerin von Carbon Circular Consulting in Taiwan und Vorstandsmitglied der Asian Circular Economy Association in Hongkong, verdeutlichte, dass Taiwan bei einer sehr hohen Bevölkerungsdichte kaum eigene Rohstoffe besitze. Das schaffe ein natürliches Bewusstsein für die Dringlichkeit zirkulären Wirtschaftens. Unternehmen und Regierungen reagierten wiederum auf das Kauf- und Wahlverhalten der Bevölkerung. Auch Ladeja Godina Košir, Gründerin von Circular Change in Slowenien und Vorsitzende der European Circular Economy Stakeholder Platform (ECESP) in Brüssel, sprach sich dafür aus, Themen wie Cradle to Cradle stärker über alltägliche Bedürfnisse wie Versorgungssicherheit, Lebensqualität oder Resilienz zu vermitteln: „Begriffe wie Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit, Ökodesign […] wenn man morgens aufwacht, interessiert einen das nicht. Wofür interessiert man sich, wenn man aufwacht? Für guten Kaffee und nette Gesellschaft! Wie wir Zirkularität langfristig in Regionen verankern, ist auch eine Frage der Sprache.“
Simran Talwar, Program Lead Director am Institute for Sustainable Futures an der University of Technology Sydney, gab einen Einblick in die australische Kreislaufwirtschaftspolitik. Um Skalierbarkeit zu erreichen, brauche es verbindliche staatliche Regelungen. Der Fokus sollte dabei primär auf der Vermeidung und auf Wiederverwendungssystemen liegen, statt nur darauf, eine Recycling-Infrastruktur auszubauen: „Eine meiner Ambitionen oder Hoffnungen für die Zukunft ist, dass wir bei der Politikgestaltung an der Schnittstelle dieser verschiedenen Themen ansetzen, um sicherzustellen, dass es keine Zielkonflikte gibt.“
Sonja Gehrig, Sozial- und Umweltkoordinatorin der Stadt Zürich, betreut die stadtweite Umsetzung der Kreislaufwirtschaftsstrategie und berät die öffentliche Beschaffung zu ökologischen und zirkulären Kriterien. Wie Städte Märkte gezielt steuern können, indem sie zirkuläre Kriterien in ihren Einkauf integrieren, demonstrierte sie mit einem Praxisbeispiel: Seit über 20 Jahren werden öffentliche Gebäude in Zürich standardmäßig mit Recyclingbeton gebaut. Dadurch werden jährlich ca. 20.000 Tonnen Abbruchabfall vermieden.
Zirkuläre Piloten im Bausektor sollen Standard werden
In ihrem C2C-Impuls stellte Julia Vesenjak, Innovationsmanagerin beim Immobilienentwickler Ratisbona, den zirkulären und nach C2C-Prinzipien entwickelten Supermarkt Loop im bayerischen Haimhausen vor. Sie betonte, dass Supermärkte mit bundesweit 35.000 Standorten, 15 Milliarden jährlichen Kundenkontakten und massivem Flächenverbrauch der ideale Hebel für die zirkuläre Transformation seien. Mit dem Loop sei ein skalierbarer Prototyp gelungen, der eine Rückbaubarkeit des Gebäudes von 98 % erreicht. „Mich treibt an, eine positive Botschaft zu haben und Materialien zu nutzen, die gesund sind, geringe Emissionen haben und nachweislich zu einer gesunden Lebensumgebung beitragen“, sagte Julia Vesenjak. Einen starken C2C-Bezug habe auch das Dachbegrünungskonzept, bei dem auf vom Aussterben bedrohte heimische Sorten gesetzt wurde, die über Jahre hinweg dafür sorgen sollen, dass die Biodiversität in der direkten Umgebung wieder aufgebaut wird.
Auf dem vertiefenden Panel diskutierte Julia Vesenjak mit Bastian Lankeit von Schwarz Corporate Affairs, Georg Reifferscheid von der Rewe Group und Franck Grube von dm-drogerie markt über das Umdenken weg von „Einweg-Immobilien“. Dabei rücke z. B. die digitale Gebäudeplanung mittels Building Information Modeling (BIM) in den Fokus, bei dem Märkte bereits bei ihrer Errichtung als zukünftige Materiallager konzipiert werden. Im Gespräch wurde deutlich, dass zirkulärer Gewerbebau vor einem Wendepunkt steht. Pilotprojekte wie reine Holzbau- oder Green-Farming-Märkte dürfen bis 2030 keine Ausnahmen mehr sein, sondern müssen über modulare, demontierbare Bauweisen zum allgemeinen Serienstandard werden. Da Immobilien und Pachtverträge in langen Zyklen gedacht werden, bilden die heutigen Innovationen das Fundament für die rückstandslose Wiederverwertung der Baustoffe in den kommenden Jahrzehnten.
Willem Stas, CEO des niederländischen Fliesenherstellers Royal Mosa, beleuchtete in seinem C2C-Impuls den Unterschied zwischen einem kreislauffähigen Produkt und einem funktionierenden zirkulären Gesamtsystem. „Kreislauffähigkeit ist keine einfache Produkteigenschaft, sondern das Ergebnis dessen, was mit dem Produkt während seiner Nutzung geschieht.“ Er unterstrich, dass technische Innovationen nur dann skalieren, wenn sie in der Praxis pragmatisch sind und für alle Akteure der Wertschöpfungskette – vom Verleger über den Eigentümer bis zum Recycler – einen konkreten Mehrwert bieten.
Wie kann die öffentliche Beschaffung ihre Hebelwirkung stärker nutzen?
Wenn man einmal sieht, wie viele Lösungen schon auf dem Tisch liegen, um einen tiefgreifenden Wandel zu vollziehen, wünscht man sich vor allem einen Akteur in der Vorreiterrolle: die öffentliche Hand. Darum pflegt die Cradle to Cradle NGO auch ein wachsendes kommunales Netzwerk, um den Wissensaustausch zu Best Practices zu fördern und Kommunen auf ihrem Weg in eine zirkuläre Zukunft zu begleiten. Auf dem Panel „Teurer Geiz“ diskutierte Juliane Thiele von C2C NGO mit ihren Gäst*innen die Diskrepanz zwischen kurzfristigen Einsparungen gegenüber langfristigen Folgekosten in der öffentlichen Beschaffung.
Silke Schmidt-Stegemann, Mitarbeiterin im Referat Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie & Ressourceneffizienz im Bundesumweltministerium, wies darauf hin, dass sie Beschaffungsstellen gezielt mit Hilfestellungen und Fachwissen unterstütze und schon bei der Frage anfange, ob es für eine Sache wirklich Bedarf gebe und ob er nachhaltig gedeckt werden könne. Anita Lührs, Referatsleiterin im Bundesministerium des Innern, betonte die Signalwirkung der öffentlichen Hand für den Markt: „Je einheitlicher die Standards sind, die wir anwenden, desto sicherer fühlen sich die Unternehmen, desto mehr wollen sie investieren und desto günstiger wird es am Ende auch für uns.“ Wie es noch günstiger werden könne, demonstrierte Christian Eichenberger, CEO der Rent Group, und plädierte für einen Paradigmenwechsel weg von linearen Kauf- und Wegwerfmustern hin zu zirkulären Nutzungs- und Mietmodellen. Ob Büromöbel oder Spülmaschinen, vieles sei in dem Bereich schon möglich. Dafür brauche es rechtliche Leitfäden für öffentliche Einkäufer*innen, damit zirkuläre Mietmodelle und Lebenszykluskosten standardmäßig mit klassischen Kaufangeboten verglichen werden können. Am Beispiel eines öffentlichen Auftrags für Beleuchtungssysteme schilderte Christoph Waldmann, Geschäftsführer und Inhaber des Beleuchtungsunternehmens Herbert Waldmann, die Herausforderungen mittelständischer Pioniere im öffentlichen Vergabewesen. Er forderte, ökologische Kriterien und die Herkunft von Produkten verbindlich in die Bewertungsmatrix öffentlicher Ausschreibungen einzubinden und durchzusetzen.
Das Jahrzehnt, in dem Nachhaltigkeit zur Realität wird
Unternehmerin und Investorin Anna Alex motivierte uns mit ihrer Keynote „Nach dem Hype: Das Jahrzehnt, in dem Nachhaltigkeit zur Realität wird“, indem sie den Wandel der Nachhaltigkeitsdebatte am sogenannten „Gartner Hype Cycle“ analysierte. Sie zeigte, dass sich die nachhaltige Wirtschaft derzeit im „Tal der Enttäuschung“ befinde. Im Rahmen dieser Betrachtung verstehe sie das als Reifeprozess hin zu einer pragmatischen, marktgetriebenen Phase: „Die Enttäuschung ist positiv, weil eine Illusion endet. Nämlich die Vorstellung, dass Unternehmen freiwillig ihre Margen opfern oder Kunden im großen Stil bereit sind, dauerhaft grüne Aufpreise zu zahlen.“ Statt Nachhaltigkeit als moralische Pflicht oder leidige Compliance-Aufgabe zu behandeln, forderte Anna Alex einen klaren Fokus auf die kommerzielle Rendite: „Nachhaltigkeitsverantwortliche sollten ab Montag als kühle, verlässliche Partner für CFOs agieren und zeigen, dass Zirkularität die Gewinn- und Verlustrechnung direkt positiv beeinflusst.“
Nach diesem eindrücklichen Call to Action teilten Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen gemeinsam mit Moderatorin und Referentin der Gesellschaft der Europäischen Akademien, Domitila Barros, ihre Eindrücke des Congress und feierten die inspirierende Atmosphäre des gemeinsamen Lösungsfindens und des Wissensaustauschs. Sie würdigten alle, die den Congress möglich gemacht haben, nicht zuletzt die über 100 ehrenamtlichen Helferinnen und baten sie zusammen mit dem C2C NGO-Team sowie allen Speakerinnen zum traditionellen Abschlussfoto auf die Bühne.
Einen Kurzbericht über die Themen des ersten Congress-Tages gibt es hier. Alle Videos von der Hauptbühne sind hier zu sehen. Über die Themenvielfalt auf den parallelen Sessions des zweiten Congress-Tages berichten wir in Kürze. Eine ausführlichere Zusammenfassung aller Programmbeiträge kann hier nachgelesen werden.








