Text: Nora Sophie Griefahn & Tim Janßen
Der Irankonflikt führt uns einmal mehr vor Augen, wie groß und teuer unsere Abhängigkeit von fossilen Energieträgern immer noch ist. Dabei sind die Zahlen längst bekannt: Fossile Energieimporte kosten Deutschland im Schnitt 81 Milliarden Euro pro Jahr – fast tausend Euro pro Kopf. Krisen und geopolitische Spannungen machen diese strukturelle Schwäche immer wieder aufs Neue spürbar. Die Antwort darauf kann nur eine konsequente Energiewende sein.
Deutschland sendet dabei gemischte Signale. Einerseits bekennt sich die Politik im Koalitionsvertrag zur Klimaneutralität und zum Ausbau erneuerbarer Energien. Andererseits werden Maßnahmen, die noch vor Kurzem den Klimaschutz stärkten und Milliardeninvestitionen anreizten, abgeschwächt oder ganz aufgegeben – vom Stromnetzausbau über die Ökostromförderung bis hin zum Heizungsgesetz. Ziele werden zurückgenommen, Planungssicherheit schwindet. Dabei ist klar: Eine schnellere und tiefere Transformation erzeugt die geringsten Gesamtkosten für unser Energiesystem. Jeder in Klimaschutz und einen anderen Umgang mit Ressourcen investierte Euro bringt einen volkswirtschaftlichen Nutzen von 1,8 bis 4,8 Euro zurück. Jede weitere Investition in fossile Infrastruktur hingegen bindet Kapital und Emissionen für Jahrzehnte. In einer aktuellen Studie, die auf der IFAT vorgestellt wurde, zeigen die Boston Consulting Group und der Bundesverband der Deutschen Industrie zudem, dass die Kosten der Energiewende durch konsequent zirkuläres Handeln bis 2045 um 38 Mrd. Euro gesenkt werden könnten. Eine Einschätzung, die diese Woche auf den Panels der Messe breite Resonanz fand: Circular Economy ist angesichts knapper Rohstoffvorkommen in Deutschland und Europa auch ein wirtschaftliches Gebot. Aber nur, wenn Materialien wirklich im Kreislauf bleiben.
Die reine Umstellung der Energiequellen reicht nicht aus. Auch Solarmodule, Windräder, Batterien und Wärmepumpen bestehen aus Materialien, die irgendwann das Ende ihrer Nutzungsdauer erreichen. Wenn Materialien nicht im Kreislauf geführt werden und Infrastrukturen Ressourcen verbrauchen, statt als Wertstofflager zu dienen, bleibt die Transformation unvollständig und wir schaffen neue Abhängigkeiten, während wir die alten kaum überwunden haben. Hier setzt Cradle to Cradle an: Anlagen, Netze, Speicher und elektrische Fahrzeuge werden so gestaltet, dass ihre Materialien gesund sind, nach der Nutzung in hochwertige Kreisläufe zurückgeführt und immer wieder verwendet werden können. Infrastruktur wird zur Materialbank für die Zukunft.
Gemeinsam mit der E.ON Foundation haben wir in den vergangenen Monaten in drei Roundtable zu Strom, Wärme und Verkehr mit Expert*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft genau diese Fragen bearbeitet: Was braucht eine kreislauffähige Energieinfrastruktur in Design, Geschäftsmodellen und regulatorischen Rahmenbedingungen? Die Ergebnisse haben wir in einem Report mit konkreten Handlungsempfehlungen gebündelt, der sich an Unternehmen, Kommunen und politische Entscheidungsträger*innen richtet.
Das zentrale Ergebnis: Die Kopplung der Bereiche Strom, Wärme und Verkehr ist ein zentraler Hebel für systemische Kreislauffähigkeit. Nur wenn wir ökologische, ökonomische und soziale Aspekte zusammendenken, Infrastruktur als Wertstofflager begreifen und C2C-Design als Schlüssel für Innovation nutzen, entsteht ein Energiesystem mit positivem Fußabdruck. Wir müssen die richtigen Weichen jetzt stellen. Nicht weniger schlecht, sondern richtig gut. Den Report stellen wir am 19. Mai im Community Hub im C2C LAB vor.


