Können sich Zahnbürsten in Pflanzen verwandeln? Kann Kühlung ohne schädliche Chemikalien funktionieren? Die elfte Veranstaltung unserer Eventreihe hat bewiesen, dass solche zukunftsweisenden Konzepte nicht nur möglich, sondern bereits in der Praxis umsetzbar sind. Unter dem Motto „Zirkuläre Gründungen nach C2C“ bot die letzte Veranstaltung der Reihe “Berlin, du bist so cradlebar” eine Plattform für alle, die die Wirtschaft der Zukunft gestalten wollen.

„Wir sind da, um die Welt von morgen zu verändern“, sagte Johanna Richter, Leiterin der gastgebenden Stiftung Entrepreneurship eingangs. Wie das heute schon geht, zeigten die Gründer*innen und Unternehmen, die C2C bereits konkret umsetzen und bei dem Event ihre Konzepte vorstellten, von ihren Erfahrungen berichteten und andere inspirierten.Tim Richter (CDU), Bezirksstadtrat von Berlin Steglitz-Zehlendorf, sieht in der Veranstaltung, eine große Bereicherung für den Bezirk. Kommunen und Bezirke seien gefragt, um Kreislaufwirtschaft umsetzbar zu machen. „Wir müssen nicht immer gleich die Lösung für alles finden, sondern manchmal reicht es, einfach den ersten, zweiten und dritten Schritt zu tun“, sagte Richter und betonte, dass der Weg zur Kreislaufwirtschaft dringend notwendiger Veränderungen bedarf. Auch Christoph Wapler, wirtschaftspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus, plädierte für eine positive Kommunikation der Kreislaufwirtschaft und forderte weniger Bürokratie und mehr Unterstützung für nachhaltige Innovationen. „Kreislaufwirtschaft ist keine Nische! Es geht darum, die Lösungen zu skalieren. Lassen Sie uns gemeinsam an konkreten Projekten und Gesetzen arbeiten, damit Cradle to Cradle zum Normalfall wird.“ appellierte Wapler an die Anwesenden.





Wegweisende Unternehmen: innovative Geschäftsmodelle

Marcel Gröpler von Lindner zeigte, wie sich zirkuläre Prinzipien in der Bauwirtschaft praktisch umsetzen lassen. Die Lindner Group gehört zu den größten und erfolgreichsten Komplettanbietern für Innenausbau und Gebäudehülle, Gebäudetechnik und Isoliertechnik in Europa. „Unsere Produkte aus wiederverwerteten Materialien sparen im Vergleich zu neuen Produkten bis zu 90 % CO2 und sind oft sogar billiger“, erklärte Gröpler. Die Bauwirtschaft ist der ressourcen- und müllintensivste Wirtschaftssektor In Deutschland verursacht das Bauwesen 57,4 % des gesamten jährlichen Müllaufkommens und verbraucht 90 % der inländischen Entnahme mineralischer Rohstoffe. Marcel Gröpler sieht besonders Unternehmen der Bauwirtschaft in der Verantwortung, etwas zu verändern und erklärte, dass die Lindner Group ihre eigenen Produkte wieder zurücknimmt, um den Kreislauf zu schließen. Er plädierte dafür, in öffentlichen Ausschreibungen die Rücknahmeverpflichtung der Hersteller festzuschreiben, um das Interesse an kreislauffähigen Produkten zu steigern. Es gehe nicht nur darum, zirkuläre Produkte zu schaffen, sondern diese auch im Kreislauf zu halten.

Zu den neuesten Impact Partnern von Cradle to Cradle NGO gehört, das Unternehmen Plantclub: Ceren Tezgider und Gulia Sultanova erläuterten das Unternehmenskonzept: Plantclub verfolgt den Ansatz “Product as a Service”, indem es Pflanzen nach individuellen Bedürfnissen an Kund*Innen in urbanen Räumen ausliefern, pflegt und schlussendlich wiederzurücknimmt.




Wie funktioniert Kühlung als Service und wie werden aus Zahnbürsten Pflanzen?

Timur Sirman von Magnotherm, ebenfalls neu im Impact Partner Netzwerk von C2C NGO, stellte ein revolutionäres Kühlkonzept vor, das ohne giftige Kühlmittel auskommt. Nach dem Prinzip „Cooling as a Service“ will Magnotherm in Zukunft mit Supermärkten zusammenarbeiten. Um die Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, brauche es bezahlbare und modulare Lösungen, so Sirman. „Unser Konzept ermöglicht es, Kühlkomponenten einfach auszutauschen und somit die Lebensdauer der Geräte zu verlängern“, erklärte er. Anstatt mit klassischen, oftmals giftigen oder explosiven Gasen zu arbeiten, erreicht Magnotherm durch den Einsatz eines Magnetfelds (magnetokalorischer Effekt) die Kühlung von Metall, welches dann die Produkte kühlt. Der Kühlschrank wird auch bereits in einem Edeka-Supermarkt eingesetzt. Somit zeigt Magnotherm, dass die kommerzielle Kühlung dank dieser skalierbaren Technologie deutlich effizienter werden kann.

Eine weitere Idee, die großen Anklang im Publikum fand, präsentierte Antonio Perez Marin in einem Elevator Pitch: Um Einwegplastik in Haushalten zu reduzieren, will Marin eine Zahnbürste anbieten, die sich innerhalb von 60 Tagen biologisch abbaut und zu einer Blume wird. Die Ressourcen für die Zahnbürste werden aus Abfällen aus der Landwirtschaft gewonnen.„So entsteht aus einem Produkt neues Leben und ein biologischer Kreislauf schließt sich”, erklärt Marin. Er hofft, dass seine Zahnbürste ein kraftvolles Symbol mit Bildungscharakter ist, wenn Kinder mit ihren Eltern die alte Zahnbürste einpflanzen und zu einer Blume heranziehen.

Auch die Textilbranche soll kreislauffähig werden, indem Produkte modular und biologisch verträglich produziert werden. Ulrike Böttcher produziert mit ihrem Unternehmen Valupa kreislauffähiges Zubehör für Kleidungsstücke, wie Knöpfe, Schnallen oder Ringe. Kreislauffähige und abbaubare Materialien zu nutzen und mit transparenten Lieferketten zu arbeiten sieht Böttcher als wichtigste Stellschrauben. Als größte Herausforderungen nannte sie die Preisbildung, die Skalierung der Produkte und die Kommunikation des Themas.






Der Weg zur Kreislaufwirtschaft nach Cradle to Cradle

Auch bei der abschließenden Fragerunde wurde deutlich, was die größten Herausforderungen für zirkuläre Gründungen sind: Die Skalierbarkeit der Produktionen, die Überwindung bürokratischer Hürden und die Schwierigkeit, Produkte preislich marktfähig zu machen. Laut dem Berliner Abgeordneten Christoph Wapler braucht es dafür stringentere Förderkriterien für Nachhaltigkeit und eine gezieltere Auswahl bei Vergaben von Aufträgen. Cradle to Cradle NGO setzt sich ein für den Abbau von Marktverzerrungen zugunsten der linearen Wirtschaft. Die Speaker*innen zeigten auf, was schon möglich ist, und gewährten so einen Blick in die Zukunft unseres Wirtschaftens, in der mit Cradle to Cradle ökonomischer, ökologischer und sozialer Mehrwert geschaffen wird.