Am 8. September fand unser C2C Summit Bau & Architektur 2020 in der Oberhafenkantine in Berlin, Kreuzberg, statt. Als unser erstes physisches Event seit Corona, haben wir uns besonders darüber gefreut, das zu tun, was wir am besten können: Menschen zusammen zu bringen. In Gesprächen mit Vertreter*innen aus den Bereichen Architektur, Immobilienentwicklung, Bauplanung und Politik, sprachen wir über das Kreislaufprinzip Cradle to Cradle (C2C) in der Bauwirtschaft, über die Hürden in der Umsetzung und die Möglichkeiten, die es mitbringt.

Die Baubranche ist so interessant und relevant für C2C, weil sie für 60 % des Abfallaufkommens in Deutschland verantwortlich ist. Da prognostiziert wird, dass Urbanisierung und Bevölkerungswachstum auch in Zukunft steigen werden, können wir uns Ressourcenverschwendung und Umweltverschmutzung nicht leisten. Auch deshalb war es so wichtig für uns, endlich wieder physische Bildungs- und Vernetzungsarbeit zu leisten. Nora Sophie Griefahn, geschäftsführende Vorständin C2C NGO, sagte: „Gebäude sollen mehr leisten als nur ein Dach über dem Kopf. Sie können zum Beispiel einen positiven Einfluss auf Wasser und Luft haben, einen Lebensraum für Tiere und Pflanzen bieten und Flächen effizient nutzen“. Diese Überzeugung war ein gemeinsamer Nenner auf dem Summit. Darauf aufbauend diskutierten die Teilnehmenden über die vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung: Von einem Stadtquartier mit 5000 Wohneinheiten auf dem Flughafen Tegel, einem Wohnkomplex in der Hamburger Hafen-City, bis hin zum Pulse, einem Gewerbeneubau in Berlin-Kreuzberg. 

Von gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und dem Mehrwert einer Region

Regula Lüscher, Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, betonte in ihrem politischen Grußwort die Bedeutung einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung bei der Ressourcenverwendung. Jasna Moritz, Architektin und Partnerin bei Kadawittfeldarchitektur, verdeutlichte, dass diese Verantwortung sich auch beim Planen eines neuen Gebäudes zeigen muss. Das Moringa Projekt in der Hamburger Hafen-City, an dem Sie gerade arbeitet, wird nach Cradle to Cradle-Kriterien entworfen. „Es ging uns neben den ökologischen auch um soziale Aspekte“, so Moritz. Dies wird darin umgesetzt, dass neben dem Gebäude auch das Umfeld, also das gemeinschaftliche Leben im Kiez, bedacht wird. Praktisch heißt das, wir müssen uns fragen, was in der Region Mehrwert bieten kann. Dies bedeutet zum Beispiel das Bedenken von Kindergärten, Parkanlagen und ausreichend Platz für Fahrradwege.  

Vorteile weitertragen

Der Summit wurde auch dafür genutzt, alternative Geschäftsideen und daraus resultierende ökologische, ökonomische und soziale Vorteile miteinander zu teilen. Edwin Meijerink hat als CEO des Immobilienentwicklers Delta Development Deutschland schon jahrelange Erfahrung mit Planen und Bauen nach C2C. „Wir versuchen, für die nächste und übernächste Generation zu bauen. Wir haben keine Zeit mehr, so weiter zu machen wie bisher. Denn was wir aktuell überwiegend bauen, wird 80 % zu Abfall“, so Meijerink. Dabei betonte er, dass Gebäude nach C2C sich auch finanziell lohnen. Zum Beispiel sind sie langlebiger, Materialien können bei Umbau oder Abriss einfacher voneinander getrennt werden und die Lebensqualität in den Gebäuden ist deutlich höher. Laut Meijerink trägt Letzteres auch ausschlaggebend dazu bei, dass Arbeitskräfte im Gewerbekomplex designed nach C2C weniger häufig krank werden und produktiver arbeiten. Dass sich Bauen nach C2C auch finanziell lohnt, zeigt das geplante Projekt auf dem ehemaligen Flughafen Tegel in Berlin. Laut Lüscher werden nicht nur 80 % weniger CO2 freigesetzt, sondern die Baukosten auch um 25 % dezimiert.

Vom Pilotprojekt zum Standard

Bei unserem Summit zeichnete sich ab, wie wichtig es ist Standards zu setzen. Leider sei es beim Bauen oft so, erklärte Nora, dass nicht früh genug geplant wird. Dies erschwere es, aus zukunftsorientierten Pilotprojekten Standards zu machen, was aber unabdingbar sei, betonte auch Martin Pauli, Arup Leader Foresight Consulting Germany. Laut Pauli dauere es deutlich länger Pilotprojekte zu planen und umzusetzen. Wenn Vorlagen existieren, sei die Umsetzung schneller und ist somit auch effizienter, sagte auch Benedikt Scholler, Senior Manager bei Drees & Sommer. „Ein C2C-Gebäude kann heute noch mehr kosten. Aber die Preise gehen schon nach unten und es wird von Projekt zu Projekt günstiger“, so Meijerink. „Die niederländische Stadt Venlo spart bei ihrem C2C-Rathaus beispielsweise rund 16 Millionen Euro über die Nutzungsdauer von etwa 40 Jahren ein. Und das, bei zusätzlichen Anfangsinvestitionen von 3 Millionen Euro“, wie Nora einordnete.

Gut, statt weniger schlecht

Scholler, Pauli und Meijerink waren sich einig, nachhaltig bauen ist das Minimum. Ein Gebäude nach C2C ist wirklich gesund und damit unabdingbar für unsere Zukunft. „Mit Nachhaltigkeit kann man viel machen, aber mit C2C kann man mehr, besser und positiver bauen“, betonte Meijerink. Beim Bauen mit C2C werden mehr Kriterien bedacht, zum Beispiel neben Materialgesundheit auch die Gesundheit der Bewohner*innen und des Umfelds. Benedikt Scholler fügte hinzu, dass dazu auch gehöre, C2C und gesundes Bauen schon in der Universität der neuen Generation nahe zu legen. Pauli wünschte sich außerdem mehr Courage über den Tellerrand hinweg zu gucken, speziell von Bauherr*innen und Architekt*innen.

Mit Online-Plattformen und -Fortbildungen zu mehr C2C

Über den Tellerrand hinweg schauen und zukunftsorientierte Projekte anstreben, tun auch diese zwei: Inga-Lill Kuhne und Thomas Hoinka. Kuhne ist Mitglied der Geschäftsführung der Ecolearn GbR, eine Firma die Online-Fortbildungen über nachhaltiges Bauen und Wissensmanagement anbietet. So können sich Interessierte zum Beispiel zum Thema energieeffiziente Gebäude weiterbilden. Thomas Hoinka, CEO von Building Material Scout, trägt mit seiner Plattform dazu bei, einen einfachen Überblick und Zugang zu gesunden, nachhaltigen und intelligenten Materialien zu gewährleisten. Damit unterstützt die Firma alle am Bau beteiligten Akteur*innen dabei, von Finanzierer*innen und Bauherr*innen, zu Projektentwickler*innen und Architekt*innen, eine bessere Bauqualität zu gewährleisten.

Umdenken trauen

Für Marc-Henning Sass, der beim Glashersteller AGC Interpane Architekten berät und sich auf C2C spezialisiert hat, ist die Rolle von Architekt*innen, Menschen zu dienen. Dies wird seines Erachtens nach aber Auszubildenden nicht bedeutend genug vermittelt. Martin Hoffmann, Vorsitzender des DGNB-Fachausschusses, räumte ein, dass mehr inhaltliche Bildung über C2C maßgeblich dazu beitragen würde, diesen Grundgedanken zu verbreiten. Beide waren sich einig, dass C2C in Zukunft auch branchenübergreifend im Bau eine größere Rolle spielen wird. Laut Hoffmann würde dies auch andere positive Nebeneffekte haben. Zum Beispiel würde auch Banken durch eine Verbreitung des Bauens nach C2C deutlich werden, dass so finanzielle Risiken verhindert werden können. Sass ergänzte: „Nachhaltigkeit bedeutet für diese Investoren, dass Sie künftig kein Geld verlieren“. Christoph Felger, Architekt bei David Chipperfield Architects, sprach den unbedingt notwendigen Wachstum der Risikobereitschaft an: „Das Thema Risiko verhindert viel. Wir sprechen immer über den Schrecken, der hinter der Tür wartet und nicht über die Chancen. Wir sollen das Risiko ja nicht vergessen, aber es bremst uns im Umdenken“ so Felger. Dies führte er an einem Beispiel aus. Durch die enge Bebauung an Stränden und ansteigender Urbanisierung, haben wir ein weltweit wachsendes Sandproblem. Dies sollte eigentlich dazu führen, dass Herstellende Interesse daran haben, Sand nach der Benutzung auch wieder abholen zu können. Durch die Möglichkeit des Widerverwendens von diesem endlichen Material, entwickeln sich wieder neue Geschäftsmodelle. Neben neu zu bedenkenden Risiken, ermöglicht diese Idee deutlich mehr neue Chancen.

Der Bau & Architektur Summit verdeutlichte die Bedeutung des Vernetzens und Austauschens. Er zeigte was möglich ist, dass es an Zukunftsideen nicht scheitern wird und was es noch braucht, um die Umsetzung zu sichern.