Mit Blick auf das weite Feld der Umweltpolitik Deutschlands und Europas beenden wir den Oktober dieses sonderbaren Jahres 2020 mit gemischten Gefühlen. Einerseits beruhigt es uns, dass ökologische Themen nicht unter den Corona-Tisch fallen, sondern während der Pandemie rege diskutiert werden und auch Entscheidungen fallen. Andererseits gefallen uns die Ergebnisse nur bedingt. Wir greifen drei Themen auf: Die von den Fridays for Future in Auftrag gegebene und von der GLS Bank finanzierte Studie des Wuppertal Instituts, nach der Deutschland schon bis 2035 klimaneutral sein kann, ist hier zuerst zu nennen. Die Agrarreform der EU kam direkt hinterher. Und schließlich legte die Denkfabrik Agora Energiewende noch das Ergebnis ihrer Berechnung nach, wie Deutschland bis 2050 klimaneutral werden kann.

Damit ist das Schlüsselwort für den beunruhigenden Teil unserer Gefühlslage schon zweimal gefallen: Klimaneutralität. Momentan setzen die Verantwortlichen offenbar alles daran, dass wir Menschen zu den einzigen Lebewesen auf diesem Planeten werden, die klimaneutral agieren. Kein anderes Tier und keine Pflanze schafft das! In der Natur zirkulieren sämtliche Stoffe in endlosen Kreisläufen, und dazu gehören auch alle Gase, die als Treibhausgase gelten. Entsprechend sollte das Ziel nicht darin bestehen, „neutral“ und damit gewissermaßen „ökologisch unsichtbar“ zu werden, sondern Rohstoffe wie CO2 und Methan zu nutzen und in Kreisläufen zu führen — denn dann agieren wir klimapositiv. Sich hingegen beim Ziel der Klimaneutralität jetzt gegenseitig rechnerisch zu unterbieten, bringt aus unserer Sicht niemanden weiter. Das beste Beispiel dafür ist die Herangehensweise der Wuppertal-Studie, in der die Klimaziele von 2050 schlicht auf 2035 herunter gerechnet werden.

Die Untersuchungen von Agora Energiewende, an denen das Wuppertal Institut ebenfalls beteiligt war, bedienen sich zwar nicht solcher Kniffe, doch auch für sie gilt: Klimaneutralität sollte nicht unser Ziel sein! Je stärker sich die Akteur*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bei diesem Unterbietungswettbewerb unter Druck setzen, desto höher ist die Gefahr, dass sie dabei unkluge Entscheidungen treffen. Ein Beispiel: Dämmstoffe, die nur auf Effizienz, nicht aber auf Kreislauffähigkeit ausgelegt sind, reduzieren zwar die CO2-Emissionen von Gebäuden um ein paar Prozentpunkte, aber sie werden früher oder später eben auch zu Sondermüll. Statt also panisch Schadensbegrenzung zu betreiben, sollten wir mit kühlem Kopf nach Lösungen suchen, die sämtliche ökologischen Aspekte berücksichtigen — wir nennen das Cradle to Cradle.

Gleiches gilt für die Agrarreform der EU, nach der landwirtschaftliche Betriebe weiterhin zu 80 % nach dem falschen Kriterium subventioniert werden: nach ihrer Größe. Statt landwirtschaftliche Quantität zu belohnen, sollte es Zuschüsse für Qualität geben. Wer seine Böden so bestellt, dass sie gute Erträge abwerfen, dabei zu Kohlenstoffsenken werden und von Jahr zu Jahr fruchtbarer werden, sollte EU-Subventionen erhalten. Eine kreislauforientierte Landwirtschaft ist möglich, wenn ein gutes Kohlenstoffmanagement betrieben wird. Die aktuelle und künftige EU-Agrarpolitik bildet das aber nicht ab.

Wir bleiben also dabei: Deutschland und die EU haben sich auf den Weg gemacht, Ökologie und Ökonomie miteinander in Einklang zu bringen, und das ist gut so — jetzt müssen sie aber noch den richtigen Weg finden.