Ernst Ulrich von Weizsäcker ist seit über 35 Jahren im Bereich Umweltpolitik aktiv. Ob bei der UNO, in Europa als Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik, auf Länderebene im Umweltausschuss oder nebenberuflich als Ko-Präsident des Club of Rome. Außerdem hat der SPD-Politiker an Büchern mitgearbeitet, die sich mit nachhaltigem Wachstum auseinandersetzen und 2009 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik erhalten. Zu Cradle to Cradle hat er also inhaltlich viel zu sagen. Im LAB Talk mit Nora hat sich Ernst am 18.7 über die historische Umweltbewegung, sein Verständnis von ‚Jetzt-Besoffenheit‘ und die Bedeutung von gesellschaftlicher Verantwortung für das Schaffen politischer Rahmenbedingungen unterhalten.

Die Auswirkungen von Covid-19 haben wir alle, individuell und gesamtgesellschaftlich, zu spüren bekommen. Die Konsequenzen, so Ernst, dürfen wir nicht unterschätzen. Er stellte fest, dass das Geld, das seitdem mobilisiert wurde, im Wesentlichen an Unternehmen zur Stützung des Wirtschaftswachstums gehe. „Wir können uns zwar freuen, dass in den letzten Monaten nicht mehr geflogen wurde, aber der ökonomische Aufschwung, den die Bevölkerung natürlich will, wird der Umwelt extremen Schaden zufügen“ sagte Ernst. Das EU-Hilfspaket für die Wirtschaft werde in manchen Mitgliedsstaaten, wie in Polen, die direkte Folge haben, dass mehr Kohle verbrannt wird, argumentierte er. Aufschwung ist wichtig, er muss aber effektiv und nachhaltig sein. Ernst findet, dass Cradle to Cradle dabei an die Arbeit des Club of Rome anschließt. 1972 veröffentlichte die Organisation das Buch Die Grenzen des Wachstums, das sich mit dem Verbrauch und Schwund natürlicher Ressourcen auseinandersetzt. Ressourcenverschwendung müsse unbedingt verhindert werden, meinte Ernst. Die Pandemie sei der richtige Zeitpunkt dafür.

Wirtschaftswachstum, aber mit Ressourcenschutz

Darauf aufbauend will ein Zuschauer aus dem virtuellen Publikum wissen wie es gelingen kann Suffizienz und Wachstumskritik positiv in die politische Debatte einzubringen, wenn doch gerade alle nach Wirtschaftswachstum schreien. Dabei ist es Ernst jetzt vor allem wichtig den European Green Deal nicht aus den Augen zu verlieren. „Von der Leyens Aufruf war ja überhaupt kein Aufruf zur Armut, sondern zur Modernität“ bekräftigte er. Die EU müsse jetzt dafür sorgen, dass die Ideen und Ziele des Green Deals auch bei dem Hilfspaket für die Pandemiefolgen eine Rolle spielten. Während Teile der traditionellen Umweltbewegung für mehr Suffizienz werben, zeige C2C, dass sich Wirtschaftswachstum und zukunftsorientierter Ressourcenschutz nicht ausschließen, so Ernst. Wir stimmen Ernst zu und finden: Der Green Deal ist ein Ansatz, der prinzipiell verstanden hat, dass sich Wachstum und Langlebigkeit, Effektivität und Kreislaufwirtschaft kombinieren lassen. Die Stimmen der Wachstumskritik haben aus unserer Sicht nur insofern recht, dass unser momentaner Ansatz nicht funktioniert. Cradle to Cradle zeigt wie es anders geht. Durch das Benutzen von kreislauffähigen und gesunden Materialien ist es nicht nötig Wachstum einzuschränken.

Vom Jetzt zum Morgen

Natürlich spielte die historische Umweltbewegung der 80er Jahre im Gespräch eine Rolle. Ernst, der selbst aktiv dabei war, sieht eine klare Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten. Während früher vor allem die lokale Umwelt im Fokus stand, zum Beispiel um und am Rhein, könnten wir es uns jetzt nicht mehr leisten die globale und langfristige Umweltverschmutzung zu ignorieren. Dabei sei es wichtig individuelle, aber auch gesamtgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und zu verkörpern. Nora warf ein, dass wir uns mehr Gedanken machen müssen, wie wir diese Verantwortung und Ziele formulieren. „Wir sprechen ja gar nicht darüber wo wollen wir sein und definieren Ziele, sondern wir sprechen nur darüber wo wir nicht sein wollen. ‚Ich möchte in 20 Jahren in Berlin saubere Luft atmen‘ und ‚Ihr dürft jetzt alle keine Autos mehr fahren‘ ist ein großer Unterschied“ sagte sie. Die ‚Jetzt-Besoffenheit‘, ein Begriff den Ernst schon vor 20 Jahren prägte, spielt dabei eine zentrale Rolle. Praktisch umgesetzt werde nachhaltiges Wachstum nur, wenn sich eine breite Masse überzeugt dafür einsetze, aktiv werde und die richtigen Entscheidungsträger wähle und beeinflusse, betonte Ernst. Dazu gehöre auch, den Blick in die Zukunft zu richten, das Morgen zu lenken und nicht nur das Jetzt bei politischen Entscheidungen mit in Betracht zu ziehen.

Wegwerfen darf man sich nicht leisten können

Im Gespräch der beiden war auch der Begriff Wegwerfgesellschaft von zentraler Bedeutung. Ernst und Nora sind sich einig, dass es in der heutigen Wirtschaft zu lukrativ ist, Produkte herzustellen, die nicht langlebig und nachhaltig produziert sind. Laut Ernst werden jedes Jahr 400 Milliarden Dollar in die Subventionierung der Verbrennung von fossilen Brennstoffen gesteckt. Nora erläuterte, dass es dadurch günstiger ist, aus Erdöl einen neuen Kunststoff herzustellen als recycelten Kunststoff wiederzuverwenden, da ersteres steuerfrei ist. Im Gespräch der beiden wurde eines immer wieder klar: „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“ betonte Ernst gleich dreimal. Genau dort komme C2C ins Spiel. „Da bin ich ganz bei Cradle to Cradle. Man muss Technologien erfinden, entwickeln und durchsetzen, die es schaffen, dass eine wirkliche Kreislaufwirtschaft und Effizienzwirtschaft entsteht“ so Ernst. Während Effizienz ein wichtiger Bestandteil von nachhaltigem Wachstum sei, sollte die Effektivität eines Produkts an erster Stelle stehen. Das ist auch aus C2C-Sicht nötig, um sicherzustellen, dass wir unseren Wohlstand erhalten können, ohne dass dies auf Kosten der Umwelt und unserer Zukunft als Menschen geschieht. Nur dann können wir sicherstellen, dass wir gesellschaftlich nachhaltig Wachsen, grün und zukunftsorientiert investieren und gleichzeitig weiterhin konsumieren können.