Person beim Laufen

„Man muss sich an C2C orientieren, wenn man es ernst meint mit vernünftiger Sportkleidung.“

Wir haben mit Steffen Otten, dem Gründer und CEO von Runnamics, darüber gesprochen, warum das Start-up C2C-Sportkleidung herstellt, warum Sportbekleidung aus konventionellen Polyester nicht sinnvoll ist und ob es in der Sportindustrie ein Umdenken gibt.

Person mit Plakat, auf dem steht: #so geht morgen

Wie bist du auf die Idee gekommen C2C-Sportkleidung herzustellen und zu vertreiben?

Ursprünglich war mir das Plastik ein Dorn im Auge. Bereits um 2015 fingen die Zweifel bei mir an, ob die ganze Sportkleidung aus Poly-Materialien wirklich sinnvoll ist. Irgendwann sah ich dann online ein Video vom Weltwirtschaftsforum Davos. Es ging um die globale Umweltverschmutzung durch Mikroplastik und als Quellen wurde unter anderem synthetische Kleidung genannt. Ich selbst bin Läufer und stieg jede Woche in meine Plastikuniform, welche ich direkt danach gewaschen habe. Von da an keimte ein schlechtes Gewissen in mir, was auch dazu führte, dass ich Runamics an den Start brachte.

Unmittelbar nach unserer ersten Crowdfunding-Kampagne in 2019 begegnete ich dann der C2C-Welt. Zunächst dem Buch, dann Prof. Braungart, der NGO und dem Kongress. Ich lernte, wie vielfältig die Probleme in der textilen Wertschöpfung sind. Mir wurde klar, dass man sich an C2C orientieren muss, wenn man es ernst meint mit vernünftiger Sportkleidung.

 

Warum ist es schädlich, wenn Mikroplastik in unsere Gewässer gelangt?

Der Wissensstand ist hier ja noch recht jung. Nach meiner Kenntnis werden die Mikropartikel von anderen Organismen im Wasser aufgenommen. Bei kleinsten Lebewesen im Wasser können die Partikel und die darin enthaltenen Chemikalien die Fortpflanzung und Entwicklung stören. Diese kleinsten Organismen sind Nahrungsquelle für die nächst größeren. Im Endeffekt landen die Plastikpartikel auf unseren Tellern. Im menschlichen Körper wurde Mikroplastik mittlerweile überall nachgewiesen, auch im Blut. Zudem habe ich erfahren, dass bestimmte Chemikalien, die im Plastik enthalten sind, im Wasser erst wirklich schädlich werden können. 

In unserer Branche bilden sich nun Konsortien aus Wissenschaft und Wirtschaft, um aufzuzeigen, ob der Eintrag von Plastikpartikeln in die Natur überhaupt schädlich ist. Die Ressourcen sollten doch besser in die Lösung des Problems gesteckt werden – welche in der Wirtschaft ja durchaus vorhanden sind. Für uns ist es daher wichtig, dass die freigesetzten Mikropartikel zumindest umweltsicher sind. Eine Mikrofaser von unserer C2C Running Shorts, die zum Teil aus einem biologisch abbaubaren C2C-zertifizierten Polyester gefertigt ist, würde also zunächst wie ein Sandkorn im Wasser landen. Schädliche Chemikalien sind hier jedoch nicht mehr im Spiel. Ein wichtiger erster Schritt. Natürlich wäre es schöner, gar kein Mikroplastik mehr zu emittieren. Aber bis dieser Designfehler behoben ist, wird es noch länger dauern.

Ich habe mich mit einem renommierten Waschmaschinenhersteller zu einer Übergangslösung unterhalten. Viele Abteilungen in Forschung & Entwicklung arbeiten z. B. an besseren Filteranlagen. Neben technischen Hürden stellen sich hier aber auch völlig zu Recht die folgenden Fragen: Sind die Menschen bereit dafür einen signifikanten Aufpreis zu zahlen? Und warum sollen Waschmaschinenhersteller ein Problem lösen, was von der Textilindustrie verursacht wird? Ein weiteres Mal, wo sich die Textilindustrie bei anderen Branchen bedient, um ein eigenes Problem unter den Teppich zu kehren. 

 

Du hast einige Probleme von Kunststoffen schon angesprochen. Dennoch wird immer wieder Werbung für Kleidung aus Ocean Plastic gemacht. Ist Ocean Plastik für dich eine Lösung?

Für Ozean Plastic gibt es sicherlich viele gute Anwendungsfälle – allerdings nicht in der Bekleidungsindustrie: Textilien werden meist gar nicht aus Kunststoffen aus den Meeren gefertigt, weil sich das Plastik dafür nicht eignet. Dazu gibt es auch eine spannende Reportage im WDR mit Frau Prof. Gerke von der Hochschule Magdeburg. Plastik wird im Meerwasser mit der Zeit porös – Salz, Sand, Sonne usw. zerkleinern es. So entsteht übrigens Mikroplastik aus Makroplastik (also der Plastiktüte). Auf Nachfrage bei Herstellern wird klar, das vermeintliche Ozeanplastik-Shirts aus Plastik aus küstennahen Regionen besteht. 

Ocean Plastik für Kleidung zu nutzen ist keine gute Lösung. Wer weiß denn schon, welche Schadstoffe in dem Plastik enthalten sind und auch wie sie im Wasser reagiert haben. Der Prozess, diese Schadstoffe zu entfernen soll zudem sehr teuer sein

 

Welchen Herausforderungen seid ihr bei der Produktion von C2C-Produkten begegnet und wie habt ihr sie gemeistert?

Wir arbeiten mit Materialien, die es bereits am Markt gibt und stellen diese zu neuen Produkten zusammen. Daher ist unsere Auswahl noch sehr begrenzt, denn die Anzahl an C2C-zertifizierten Materialien ist sehr überschaubar. Diese haben zudem besondere Eigenschaften und wir müssen eng mit den Partnern zusammenarbeiten, die ihre Materialien und ihre Maschinen sehr gut kennen.

Wir würden natürlich gerne weitere Produkte konzipieren und vorstellen – aber manches klappt einfach noch nicht – z. B. eine wasserabweisende Laufjacke. Es sind mehr Tests und weitere Recherche notwendig, um die richtigen Kontakte und Firmen zu finden. Eine eigene Abteilung für Forschung und Entwicklung können wir uns leider noch nicht leisten. 

 

Welche Herausforderungen oder Aspekte sind gerade bei der Herstellung von Sportkleidung besonders?

Die Anforderungen sind komplett anders im Vergleich zu Mode-Bekleidung. Sportkleidung muss abhängig von der Sportart unterschiedlich belastbar sein. Sie muss mit Schweiß und dem dadurch entstehenden Geruch klar kommen. Sie muss Temperaturen regulieren. Sie muss waschbar sein. Sie muss hautfreundlich sein. Sie muss meist dehnbar sein. Die Liste könnte sicherlich noch weiter fortgeführt werden. 

Es ist schwierig, alle Kriterien zu erfüllen. Polyester ist ein wunderbarer Werkstoff im Hinblick auf Kosten und Nutzen, da es sich sehr günstig in jeglicher Variation verarbeiten lässt, sehr belastbar ist und schnell trocknet. Aber auch dieses Wundermaterial hat seine Schattenseiten. Neben den besprochenen Umweltproblemen gibt es noch das Geruchsproblem. Es stinkt schnell, ergo muss es oft gewaschen werden. Zudem nimmt es den Schweiß nicht immer optimal vom Körper auf. Der Schweiß bleibt also auf der Haut und reizt diese. Trade-Offs gibt es also überall. 

 

Eure Kleidung ist kompostierbar und damit Teil des biologischen Kreislaufs. Wie stellt Ihr Euch das Leben eurer Kleidung vor? Wie sorgt ihr für eine biologische Wiederverwertung?

Zunächst soll sie lange getragen werden. Dann kommen die Menschen nach vielen Jahren hoffentlich zu uns zurück, wenn die Kleidung aufgetragen ist, um sich neu einzukleiden. In dem Zuge sollen sie uns die aufgetragene Kleidung mitbringen und bekommen einen Nachlass auf ihre neue Kleidung. 

Wenn wir die aufgetragenen Textilien zurück bekommen, soll das Material zusammen mit dem Verschnitt aus der Produktion Teil eines sogenannten 2nd-Life-Szenarios werden. Wir möchten die Lebensdauer der Materialien also nützlich verlängern. Hierzu arbeiten wir aktuell an möglichen Konzepten. Zum Beispiel daran das Material als eine Art “Stützmatte” für eine C2C-Sporttasche oder -Rucksack zu machen. Doch auch hier begegnet man schnell Herausforderungen, die man eigentlich für trivial halten würde. Zum Beispiel eine Firma zu finden, die für uns das Material richtig klein schreddern kann. Doch wir sind zuversichtlich.

Wenn wir dann im dritten Zyklus die Materialien zurückbekommen und es nicht wieder verwendet werden kann, erst dann kommt das industrielle Kompostieren. Beim Kompostieren würden wir gerne mit dem C2C-Netzwerk zusammenarbeiten, was sich jedoch nicht immer als einfach darstellt. Im Zweifel führt dies zu unnötiger Doppelarbeit. Allerdings wird es hoffentlich noch sehr lange dauern, bis wir etwas kompostieren müssen. Unser Ziel ist ja schließlich nicht, möglichst viele Textilien zu vergraben.

Person beim Laufen

C2C umfasst nicht nur den Kreislaufgedanken sondern auch Materialgesundheit. Was glaubst du sind die wesentlichen Vorteile der Umstellung auf C2C für eure Kund*innen?

In der C2C-Welt muss man sich im Klaren darüber sein, dass man den Konsument*innen einen Vorteil verkauft, der teilweise akut nicht spürbar sein wird. Weder funktional, noch haptisch und sicherlich auch nicht preislich, zunächst eher im Gegenteil.

Wir verkaufen also einen Mehrwert in Form von gutem Gewissen. Das gesunde Material, welches ohne schädliche Chemikalien auskommt, spielt hier eine entscheidende Rolle. Denn gesundes Material heißt auch gesunde*r Nutzer*in. Wenn ich keine krebserregenden Materialien am Körper trage oder auch zu mir nehme, dann sorge ich vor. Überspitzt gesagt könnte man C2C-Produkte somit wohl auch als schlaue, unkomplizierte Krebsvorsorge ansehen. Auch wenn dies wohl etwas übertrieben sein mag. 

Aber im Ernst: Wir wissen doch einfach nicht, welche langfristigen Konsequenzen all die schädlichen Substanzen um uns herum mit sich bringen. In Norddeutschland würden wir sagen: “das tut doch nicht Not”. 


Beobachtest du in der Sportbekleidungsbranche ein Umdenken hin zu ökologisch nachhaltiger Bekleidung?

Absolut. Die größten Sportmessen werden ausschließlich von diesem Thema bestimmt. Es passieren viele gute Dinge. Adidas ist mit seinem “Made to be Remade” Programm einen großen, aufwendigen Schritt gegangen, der vielen anderen Herstellern als Inspiration diente (On Running, Salomon). Auch im Bereich pflanzlicher Rohstoffe passiert viel, man schaue hier in Richtung Veja. Das alles sind wunderbare Entwicklungen.

Natürlich könnte man jetzt meckern und sagen, das könnte doch alles viel schneller gehen. Das ist wohl richtig, aber wir müssen sehen, dass diese Konzerne noch andere Stakeholder befriedigen müssen, neben der Umwelt. Shareholder, Mitarbeiter*innen, Zulieferer. Solch große, komplex gewachsenen Strukturen kann man ja nicht einfach auf links drehen. Wenn der Druck von den Konsument*innen weiter wächst und auch die Politik anfängt, die richtigen Anreize zu setzen, werden wir hier in den nächsten Jahren bestimmt tolle, innovative Dinge erleben. 

Als Start-up im biologischen Kreislauf sind wir eher ein Outlaw. Die meisten stürzen sich auf den “theoretisch” technischen Kreislauf. Mit rPET wird hier, vielleicht aktuell die falsche “Sau durchs Dorf getrieben”, aber wir werden sehen, wie sich der Markt entwickelt. 

Der Trend zum rPET in der Kleidungsbranche allgemein sehe ich problematisch. Man entnimmt die Flaschen aus einer zukunftsträchtigen Kreislaufwirtschaft (der Getränkeindustrie) und produziert daraus horrende Mengen Kleidung. Damit verschieben wir das Problem mit einem Textil aus rPET um genau ein T-Shirt, weil es danach wieder als nicht biologisch abbaubares Stück Sondermüll auf der Deponie oder im Ofen landet. Außerdem befürchte ich, dass es hier zu einem Kampf um den “Rohstoff” rPET kommen wird. Mittlerweile sind es sehr viele Branchen, die ihre Produkte aus rPET produzieren wollen. Egal ob Kosmetik, Food, Textil, Automobil, Cookware und mittlerweile auch Spielzeugfirmen wie Lego. Den Konsument*innen wird hiermit eine heile Welt suggeriert. Sie kaufen dann nicht nur noch mehr Sportshirts, weil sie denken etwas Gutes zu tun, sondern auch mehr Softdrinks aus Plastikflaschen, weil sie denken auch damit etwas Gutes zu tun. Das klingt für mich nach eher ungünstigen Tendenzen, denn am Ende wird unter Garantie viel neues PET produziert.


Und jetzt noch ein Blick in die Zukunft! Wie sieht es bei runamics in 5 oder 10 Jahren aus?

Wenn bewusste Sportler*innen an umweltfreundliche Sportkleidung denken, soll Runamics ihnen ein Begriff sein. Wir wollen die textile Diversität fördern, damit nicht wieder alles auf eine Karte gesetzt wird, um am Ende zu merken, dass es die falsche war. Wie es aktuell mit konventionellem Polyester, welches fast 70 % aller weltweit produzierten Textilfasern ausmacht, der Fall ist. 

In der Zukunft soll unser C2C-Portfolio erwachsener werden. Zudem wäre es zu gegebenem Zeitpunkt sicherlich sinnvoll, einen strategischen Partner für unsere Mission zu gewinnen. Dies könnte eine Skalierung ermöglichen, um möglichst viele Sportler*innen zu erreichen. Die Leute sollen ja fleißig Sport machen und schwitzen, halt nur in vernünftiger Sportkleidung. Sport “macht den Kopf frei”, unsere Kleidung in gewisser Weise auch, denn man kann darin ruhigen Gewissens schwitzen.