Feld aus Vogelperspektive mit verschiedener Bepflanzung, Blog von Cradle to Cradle NGO

Eine Landwirtschaft nach Cradle to Cradle?

Bodenverlust, Klimawandel, Rückgang der Biodiversität: Die moderne Landwirtschaft ist nicht nur mitverantwortlich für die großen Umweltprobleme unserer Zeit, sie leidet auch selbst unter ihnen. Trotzdem konnten sich alternative Bewirtschaftungssysteme, die mit der Natur statt gegen sie arbeiten, noch nicht flächendeckend durchsetzen. Wir glauben, dass auch in der Landwirtschaft der Mensch mit kreislauffähigen Konzepten als Nützling im Sinne der Cradle to Cradle-Idee einen positiven Einfluss auf Umwelt und Klima ausüben kann.

Historisch war die Landwirtschaft in weiten Teilen zirkulär angelegt: Abfälle der Produkte und Produktionsrückstände wurden meist direkt wieder in die Produktion zurückgeführt. Mit der zunehmenden Technisierung und dem Aufkommen von Kunstdünger entkoppelte sich die Landwirtschaft von dieser Kreislauflogik. Dies ermöglichte einen enormen Produktivitätszuwachs, legte aber zugleich den Grundstein für zahlreiche der Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind. Wirtschaftlichkeit durch technischen Fortschritt und die Nutzung natürlicher Prozesse müssen sich nicht widersprechen, sondern lassen sich sinnvoll ergänzen. Der intelligente Einsatz vermeintlicher Abfälle bietet die Chance, Stoffkreisläufe zu schließen und Landwirtschaft so effektiver, umweltfreundlich und zukunftsfähig zu gestalten. Die heutige Landwirtschaft braucht eine grundlegende Transformation im Sinne des Cradle to Cradle-Gedankens, um auch in Zukunft ihren Zweck zu erfüllen.

Aufhören, das Falsche zu fördern

Eine solche Transformation setzt voraus, dass Qualität statt Quantität gefördert wird. Mit jährlich fast 60 Milliarden Euro fließen rund 40 Prozent des EU-Haushalts in die gemeinsame Agrarpolitik. Aktuell schüttet die EU Direktzahlungen an Landwirt*innen primär nach Betriebsgröße aus: Je größer die Fläche, desto mehr Geld erhält der Betrieb. Das verzerrt nicht nur den Markt, sondern erschwert auch den Umstieg auf alternative Bewirtschaftungsweisen. Die neuste Agrarreform der EU koppelt zwar 20 Prozent der Auszahlungen an Umweltengagement, hat aber nach wie vor die Betriebsgröße als Vergabekriterium. Dabei würde die Umlenkung der Subventionen zugunsten nachhaltiger Formen der Landwirtschaft die ökologische Transformation vorantreiben.

Bodenschutz ist Klimaschutz

Eins der größten Probleme der Landwirtschaft ist der Bodenverlust durch Erosion. Jährlich gehen etwa 10 Millionen Hektar Ackerfläche verloren. Bodenerosion ist ein natürlicher Prozess, der erst zum Problem wird, wenn mehr Boden abgetragen als aufgebaut wird – die konventionelle Landwirtschaft beschleunigt diesen Verlust enorm. Größte Verursacher sind Überweidung, Entwaldung und die Übernutzung durch Ackerbau. Damit schadet sich Landwirtschaft auch sich selbst langfristig: Trotz erheblicher technologischer Fortschritte sind die Ernteerträge in den vergangenen 30 Jahren stagniert.

Landwirtschaftlich genutzter Boden stellt auch einen wichtigen Kohlenstoffspeicher dar, doch durch den Verlust von Mutterboden geht diese Speichereigenschaft verloren. Ziel einer kreislauffähigen Landwirtschaft nach Cradle to Cradle muss es daher sein, diesen Verlust nicht nur zu verlangsamen, sondern aktiv Bodenaufbau zu betreiben. Nur indem wir Böden als Kohlenstoffsenken begreifen und diese wichtige Ressource im Kreislauf halten, anstatt sie in die Atmosphäre auszustoßen, kann auch in Zukunft die Versorgung mit Nahrungsmitteln langfristig gewährleistet und gleichzeitig aktiv CO2 gebunden werden.

Biodiversität und Klimawandel

Naturnahe Agrarlandschaften spielen auch als Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten eine wichtige Rolle. Die zunehmende Intensivierung und Monotonisierung der Landwirtschaft gefährdet diese Funktion. Sowohl die Vergrößerung der Anbauflächen und Zurückdrängung natürlicher Landschaftselemente als auch der übermäßige Einsatz von Pflanzenschutz- und Düngemitteln verringern die Rückzugsräume für zahlreiche Insekten- und Vogelarten. Dies hat auch negative ökonomische Folgen für die Landwirtschaft selbst – essentielle Funktionen wie die Bestäubung durch Insekten, die natürliche Kontrolle von Schädlingen und die natürliche Humusbildung gehen mit einer sinkenden Biodiversität zurück.

Und auch am Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase hat die Landwirtschaft einen signifikanten Anteil. Vor allem die besonders klimawirksamen Methan-Ausstöße aus der Tierhaltung und NO2-Emissionen als Folge von intensiver Stickstoffdüngung sind hier entscheidende Faktoren.

All diesen Probleme ließe sich über eine Landwirtschaftsweise nach der C2C-Logik entgegenwirken, die nicht gegen die Mechanismen der Natur arbeitet, sondern sie unterstützt, sich zunutze macht und in Stoffkreisläufen denkt.

Regenerative Landwirtschaft: Biologische Mechanismen zunutze machen

Ein Konzept, das zahlreiche Lösungsansätze bietet, stellte im Rahmen der Cradle to Cradle-Winterakademie Christoph Meixner vor, Mitgründer des Unternehmens „Triebwerk“. Es sei wichtig, die aktuellen Probleme in der Landwirtschaft zu benennen, doch vor allem brauche es effektive Lösungen, um ihnen zu begegnen, stellte Christoph fest.

Die regenerative Landwirtschaft will das gesamte Ökosystem stärken und die natürlichen Ressourcen verbessern, statt sie zu auszuschöpfen. Ganz im Sinne des Cradle to Cradle-Prinzips liegt der Fokus hierbei auf der Nutzung natürlicher Stoffkreisläufe und der Tendenz von Ökosystemen zur Selbstregenerierung. Die konventionelle Landwirtschaft verschenke Potenziale, indem sie gegen biologische Kreisläufe arbeite. Die regenerative Landwirtschaft dagegen baue durch eine Unterstützung dieser Mechanismen aktiv Boden auf und fördere Biodiversität, so Christoph. Regenerative Landwirtschaft will so nah wie möglich an der Natur dran sein, sie aber trotzdem managen. Ebenso wie im Cradle to Cradle Konzept werde der Mensch als Systemingenieur gesehen, der die Prozesse der Natur abschaut und sie gestaltet, folgert Christoph. Dieser Ansatz sei sehr Know-how-, aber wenig inputbasiert. Voraussetzung für die Umsetzung sei demnach eine genaue Beobachtung und Analyse des jeweiligen Standortes und eine darauf angepasste Herangehensweise.

Zum Beispiel könne durch gezielte Beweidung die Insektendichte erhöht werden, die sich wiederum positiv auf die Artenvielfalt insgesamt auswirke. In der regenerativen Landwirtschaft werden alle Stoffe in ihren biologischen Kreisläufen gehalten – alles was produziert werde, sei wiederum Nahrung für das Bodenleben. „Nährstoff bleibt Nährstoff“, sagte Christoph. Auch die Nutzung regenerativer Energien durch dauerhafte Begrünungsstrategien und die Definition positiver Materialien in der regenerativen Landwirtschaft zeigen deutliche Parallelen zu Cradle to Cradle auf.

Urban Farming und KI: Kreisläufe durch Technologie?

Eine andere Tendenz in der aktuellen Transformation der Landwirtschaft ist die Entwicklung von hochtechnisierten Urban und Vertical Farming-Konzepten. Sie können einen wichtigen Beitrag leisten, Ressourcen und Böden zu schonen und gerade in dicht besiedelten Gebieten Möglichkeiten der lokalen Versorgung bereitzustellen. Der vertikale Pflanzenbau und etwa das Konzept der Aquaponik imitieren oftmals natürliche Stoffkreisläufe, verstehen vermeintliche Abfälle als Nährstoffe und nutzen sie für eine effektive Produktion von Nahrungsmitteln und Rohstoffen. Die Aquaponik verbindet Elemente der Aquakultur und Hydroponik zu einem Kreislaufsystem: Die Ausscheidungen der gehaltenen Fische versorgen Pflanzen mit Nährstoffen, die wiederum das Wasser der Fischtanks so reinhalten. Durch die Nutzbarmachung dieser Kreislauflogik ist diese Art der Zucht fast emissionsfrei und wassersparend. Viele Konzepte des Urban Farmings kämpfen heute zwar noch mit einem Circularity Gap und lassen sich nur für bestimmte Pflanzenarten nutzen. Sie haben aber durchaus das Potenzial, die Nahrungsmittelversorgung gerade in urban verdichteten Gebieten in der Zukunft sinnvoll zu ergänzen.

Auch künstliche Intelligenz kann eine große Hilfe sein, Anbauflächen und Pflanzen genauer zu beobachten und individuelle Maßnahmen dementsprechend besser anzupassen. Vor allem in Knowledge-intensiven Anbauformen wie der regenerativen Landwirtschaft, die besonders abhängig von den individuellen Umweltfaktoren sind, ist eine solche Optimierung des Monitorings und der Datenanalyse von hohem Wert.

Pflanzenkohle: Chance für eine klimapositive Landwirtschaft?

Die Chance, Landwirtschaft nicht nur klimaneutral, sondern sogar positiv zu gestalten und Böden zu regenerieren, bietet auch der intelligente Einsatz von Pflanzenkohle. Durch die Verkohlung von Biomasse können rund zwei Drittel des enthaltenen Kohlenstoffs gebunden werden, der sonst langfristig wieder in die Atmosphäre gelangt. Die so produzierte Kohle kann wiederum verwendet werden, um die Bodeneigenschaften von landwirtschaftlich genutzten Flächen positiv zu beeinflussen: Sie kann die Wasserspeicherung verbessern und die Auswaschung von Nährstoffen minimieren. Dies hat vor allem in trockenen Regionen das Potenzial, die Bodenqualität zu optimieren und aktiv Boden zurückzugewinnen.

Keine „one-fits-all“-Ansätze

Es gibt keine universelle Lösung für eine Landwirtschaft nach Cradle to Cradle-Prinzipien – die Beschaffenheit des jeweiligen Standortes und die individuellen Möglichkeiten bestimmen, wie am intelligentesten Stoffkreisläufe und biologische Mechanismen nutzbar gemacht werden können. Die Probleme, die sich aus der konventionellen Landwirtschaft ergeben, zeigen, dass gerade „one-fits- all“-Ansätze auf lange Sicht nicht zukunftsfähig sind.

Auch in der Landwirtschaft müssen Stoffkreisläufe geschlossen werden. Gesunde Böden sind nicht nur auf lange Sicht produktiver, sie wandeln auch totes organisches Material in Nährstoffe um und speichern aktiv CO2. Wir glauben, dass so auch eine wachsende Weltbevölkerung wirklich nachhaltig ernährt werden kann. Hierfür müssen sich Konzepte wie die regenerative Landwirtschaft sinnvoll mit neuen Technologien ergänzen und flächendeckend umgesetzt werden. Landwirtschaft kann nicht nur weniger schädlich sein, sondern einen wirklich positiven Einfluss auf Klima und Umwelt haben. Zuerst müssen wir jedoch aufhören, schädliche Formen des Wirtschaftens zu fördern. Diese Subventionen verschleiern die indirekten Kosten konventioneller Anbaumethoden. Entfallen sie, können sich alternative und zukunftsfähige Konzepte für die Landwirtschaft beweisen und letztendlich durchsetzen. Denn wir brauchen eine intelligente Landwirtschaft, die unter Berücksichtigung der lokalen Begebenheiten nach praktikablen Lösungsmöglichkeiten sucht und in Kreisläufen denkt.