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Einblicke in die Zukunft der Kunststoffe beim C2CC21

Etappe 2: Mainz – produziert in Berlin

 

Was haben Normungen und Standards, Lieferketten, Mikroplastik und Gesundheit miteinander zu tun? Zu all diesen Themen haben die Teilnehmenden der zweiten Etappe des Cradle to Cradle Congress in unseren interaktiven Foren fleißig diskutiert. Im ersten Forum führte das Deutsche Institut für Normung (DIN) durch die Welt der Normungen und eine neue Vorstufe für eine Norm für Kunststoffrezyklate. Im zweiten Forum stellten EPEA Switzerland und Napapijri eine C2C-Outdoorjacke vor. Zum Thema Mikroplastik diskutierten im dritten Forum Vertreterinnen vom ISOE Institut für Sozial-Ökologische Forschung GmbH und Wasser 3.0. Und im vierten Forum erklärte der C2C-Experte Douglas Mulhall den Zusammenhang zwischen Umwelt und Gesundheit. 

 

Wie können Normen und Standards die Transformation hin zu C2C unterstützen? Diese Frage diskutierte Moderatorin Alexandra Engelt, Senior Projektkoordinatorin in der Geschäftsfeldentwicklung Circular Economy beim DIN, im ersten Forum mit Dagmar Glatz, Projektmanagerin Nachhaltigkeit Verpackungen bei der Drogeriekette dm, Dr. Harald Lehmann, Vice President Plastic Materials and Processing beim Sortieranlagenhersteller Tomra Sorting sowie Christian Schiller, Co-Gründer & CEO von Cirplus, einer digitalen Plattform für den Handel mit Kunststoffrezyklat. 

 

Wir brauchen Standards und Normen in der Verpackungsindustrie

 

“Die Qualität eines Materials ist der Schlüssel, um entsprechend hochwertige Rezyklate daraus zu erzeugen. Rezyklate haben heute ein schlechtes Image, denn sie waren in der Vergangenheit auch wirklich von schlechter Qualität”, sagte Lehmann. Ein Großteil des Inhalts in einem Gelben Sack kann heute nicht in gleichbleibender Qualität recycelt und wiederverwendet werden. Untrennbar verklebte Kunststoffe, Mischmaterialien oder Kunststoffe mit schädlichen Inhaltsstoffen verhindern, dass die daraus entstehenden Rezyklate für hochwertige Anwendungen, etwa in der Lebensmittelindustrie, geeignet sind. Am Ende dieses Downcyclings landen die wertvollen Ressourcen dann meist doch in der Verbrennung. Normen, so Lehmann,  könnten dabei helfen, die Qualität von Kunststoffen und Rezyklaten auf einen Nenner zu bringen. 

 

Schiller gehört mit Cirplus zu einem Konsortium, das in den vergangenen Monaten eine DIN SPEC – und damit einen marktkonformen Standard – für die Klassifizierung von Kunststoffrezyklaten für die Verwendung und den (internetbasierten) Handel entwickelt hat. Sie wurde Anfang September verabschiedet und formuliert, welche Daten von recyceltem Material vorliegen müssen, damit ein potenzieller Käufer sich dafür interessiert. “Wir können schon heute über Standards dafür sorgen, dass die Transaktionskosten für Rezyklat sinken”, so Schiller.  

 

Die Drogeriekette dm biete heute mehr als 650 Produkte in Verpackungen mit einem Rezyklatanteil von mehr als 70 Prozent an, berichtete Dagmar Glatz. Doch als europaweit agierendes Unternehmen brauche das Unternehmen eine europäische Lösung, wobei Normen die Qualität von Rezyklaten verbessern könnten. Denn die Nachfrage nach qualitativ hochwertigem Rezyklat, ist Glatz zufolge zumindest in ihrer Branchen durchaus da. “Bei den Kunden sehen wir nicht, dass die keine Rezyklatverpackungen wollen. Wir sehen auch nicht, dass sich unsere grauen Verpackungen mit hohem Rezyklatanteil schlecht verkaufen lassen”, so Glatz. Nun müsse die Branche zeigen, dass sie in der Lage sei, komplett recycelte Verpackungen auf den Markt zu bringen. Daher stelle dm derzeit viele Verpackungen auf recyclingfähiges Design um, beispielsweise Folien, die sich bisher nicht recyceln ließen. In einer gemeinsamen Initiative mit Händlern, Herstellern, Entsorgern und Verpackungsherstellern, dem Forum Rezyklat, versuche dm seit 2018, die Transformation hin zu mehr Rezyklat in Verpackungen voran zu treiben. Doch dafür brauche es auch Rahmenbedingungen, die diesen Weg stützen.

C2C in der Outdoorbranche 

 

In Forum II stellte Paolo Pezzin, Senior Raw Materials Manager der Outdoor-Marke Napapijri, die zur global tätigen VF Corporation gehört, deren Weg vom C2C-Projekt zu einer gesamten C2C-Produktlinie vor. Er sprach mit Albin Kaelin, CEO Textiles bei EPEA Switzerland, die bei der Umsetzung mitwirkte. Wer C2C einführe, der müsse sich ganz neu mit seinem Geschäftsmodell auseinandersetzen, so Pezzin. “Das Konzept sollte so sein, dass man nicht ein Produkt besitzt, sondern ein Design nutzt. Letztendlich kauft man keine Napapijri-Jacke, sondern ein Napapijri-Design. Das wird die Zukunft sein”, sagte er.

Die Marke nutzt für ihre Textilprodukte das Polymer Econyl vom italienischen Unternehmen Aquafil, das im technischen Kreislauf zirkulieren kann. Dadurch kommen die Napapijri-Jacken ohne schädliche Beschichtungen aus, die bei konventionellen Outdoor-Textilien üblich sind. Auch die Rücknahme wird bei Napapijri bedacht. Nach der Nutzung können die Produkte an Napapijri zurückgegeben werden, die sie wiederum zum Recycling an Aquafil zurückgeben.

Kaelin und Pezzin stellten heraus, dass trotz eines steigenden Umwelt- und Gesundheitsbewusstseins bei Konsument*innen der Preis letztlich ein gewichtiger Grund für oder gegen den Kauf eines Produkts sei. Doch Napapijri zeige auch, dass es möglich sei, kreislauffähige Produkte von guter Qualität zu einem wettbewerbsfähigen Preis anzubieten. Für Kaelin ist die in Italien gegründete Marke auch in diesem Bereich ein Vorbild. “Wenn man sich die Outdoor-Industrie ansieht, ist das die reinste Greenwashing-Maschine. Napapijri ist das Leuchtturm-Projekt für die gesamte Outdoor-Industrie und ein Anstoß für die Branche, dass sie sich wirklich ändern muss”, so Kaelin. 

Mikroplastik – Hauptmahlzeit unserer Enkelkinder?


In Forum III sprach Nora mit Dr. Carolin Völker, Leiterin der Nachwuchsgruppe PlastX beim ISOE Institut für Sozial-Ökologische Forschung sowie Dr. Katrin Schuhen, Erfinderin, Gründerin & CEO von Wasser 3.0 über das Thema Mikroplastik. Ganz speziell über die damit verbundenen Risiken, wie Mikroplastik identifiziert, aus der Umwelt entfernt und künftig ganz verhindert werden kann. PlastX untersucht biologisch abbaubare Kunststoffe, Verpackungen sowie Meeresmüll und die Auswirkungen von Mikroplastik. Wasser 3.0 entwickelt Technologien, um Mikroplastik aufzuspüren, zu entfernen und daraufhin wiederzuverwenden.

 

Beide stellen in ihrer Arbeit fest, dass vor allem in Kunststoffen verarbeitete Chemikalien wie Farben oder Stabilisatoren dafür sorgten, dass Mikroplastik zum umwelt- und gesundheitsschädlichen Problem werde. Durch schlechtes Design und die falsche Verwendung von Materialien gelange dieses Mikroplastik dann in die Umwelt. Ein weiteres Problem sei, dass wir noch gar nicht genug über Mikroplastik und die verschiedenen Mikroplastikarten wissen, die sich über Jahrzehnte in der Umwelt angesammelt haben. “Wir müssen grundsätzlich anders mit Kunststoffen umgehen”, betonte Völker. Das Fazit der beiden: Wir brauchen für bestimmte Nutzungsszenarien designte Kunststoffe.

Gesundheitsschädliche Verpackungen müssen nicht sein

In Forum IV stellte der Autor und unabhängige C2C-Experte Douglas Mulhall heraus, welche wichtige Rolle das Thema Gesundheit im Zusammenhang mit Umwelt- und Klimaschutz spielt. “Jeder weiß, dass Schwermetalle in der Umwelt ein ausschlaggebendes Problem sind. Das wahre Problem ist aber, dass diese Schwermetalle sehr schädlich sind, wenn sie in unseren Körper gelangen”, so Mulhall. Dort können sie beispielsweise Herzkrankheiten auslösen. Die in Studien bei Herzpatienten gefunden Schwermetalle entsprächen dabei oft Stoffen, die in Verpackungen üblich seien. Die heutigen Richt- und Maximalwerte für gesundheitsschädliche Stoffe seien damit nicht sicher genug für die menschliche Gesundheit, richtete sich Mulhall an die Politik.

Für Unternehmen, die mit materialgesunden Stoffen nach Cradle to Cradle arbeiten, sei dies ein Punkt, den es in einer zunehmende gesundheitsbewussteren Gesellschaft im Marketing herauszustellen gelte. Das Potenzial für materialgesunde Verpackungen im Gesundheitssektor ist groß: Der Markt für medizinische Kunststoffe und Kunststoffverpackungen im Gesundheitswesen beläuft sich weltweit auf 50 Milliarden Euro pro Jahr. Viel Potenzial also für Cradle to Cradle und  C2C-Verpackungen.

 

 

Blog I: Drei Panels, zehn Speaker*innen, viele C2C-Lösungen