Cradle to Cradle Congress 2021

Drei Panels, zehn Speaker*innen, viele C2C-Lösungen

Etappe 2: Mainz – produziert in Berlin

 

Wie sehen Verpackungen und Kunststoffe für morgen aus? Diese Frage haben wir bei unserer zweiten Congress-Etappe am 7. September gemeinsam mit zahlreichen Expert*innen auf diesem Gebiet  beantwortet. Unser Fazit: Lösungsansätze gibt es viele und eine Menge Unternehmen zeigen bereits heute, dass sich Cradle to Cradle in der Kunststoff- und Verpackungsindustrie hervorragend umsetzen lässt. Von etablierten Industrieunternehmen bis zu neuen C2C-Startups, Entsorgern und Recyclingdienstleistern brachten die Speaker*innen verschiedene Perspektiven mit in unsere Panels. 

 

Im ersten Diskussionspanel des Tages tauschten sich Dr. Anne Lamp, Co-Gründerin & CEO von Traceless, Michael Pooley, CEO von IFCO Systems sowie Reinhard Schneider, geschäftsführender Gesellschafter und Alleineigentümer von Werner & Mertz, über einen alternativen Umgang mit Kunststoffverpackungen aus.

 

“40 Prozent unseres Plastikmülls landen in der Umwelt”, sagte Lamp, die mit Traceless aus Reststoffen der Landwirtschaft eine biologisch abbaubare Kunststoff-Alternative herstellt. Grundstoffe für Verpackungsmaterialien für den biologischen Kreislauf seien sehr selten, so Lamp, was ihr als Motivation diente, einen solchen Stoff herzustellen. Die Idee für Traceless kam ihr als sie vor sieben Jahren die C2C Regionalgruppe Hamburg mitbegründete und begann, sich ausführlich mit Cradle to Cradle auseinander zu setzen. Mit Erfolg:  Vor wenigen Tagen kündigte Traceless eine Kooperation mit dem Versandhändler Otto an, woraus ab 2022 kompostierbare Verpackungslösungen für den Versand von Textilien entstehen sollen.

Verpackungen für den technischen Kreislauf

 

IFCO und Werner & Mertz haben ihre C2C-Geschäftsmodelle hingegen auf den technischen Kreislauf ausgerichtet. IFCO stellt sogenannte RPC (Reusable Plastic Container) her, die den meisten Konsument*innen als jene grünen Kisten bekannt sind, in denen in Supermärkten Obst und Gemüse verkauft werden. 325 Millionen solcher Kisten hat IFCO weltweit im Umlauf. Die Kisten werden mit Lebensmitteln befüllt, nach dem Verkauf der Lebensmittel zurückgenommen, gewaschen und wieder zum gleichen Zweck eingesetzt. 325 Milliarden RPC wäscht IFCO weltweit im Jahr. Die Rücknahme der Kisten, die aus Polypropylen (PP) bestehen, sei dabei elementarer Bestandteil des Geschäftsmodells. “Mehrweglösungen sind keine gute Lösung, wenn man Mehrwegprodukte nicht zurücknimmt. Für uns ist die Nachverfolgung unserer Kisten sehr wichtig, denn ohne die Rücknahme durch uns ist der Kreislauf nicht geschlossen. Das ist also ein riesiger ökonomischer und ökologischer Faktor in unserem Geschäftsmodell”, so Pooley. Das Ziel sei dabei nicht, Plastik zu vermeiden, sondern Plastikmüll. Denn für das Nutzungsszenario der Kisten sei Kunststoff das ideale Material, erläuterte er.

 

Der Reinigungsmittelhersteller Werner & Mertz (Marke “Frosch”) stellt die Flaschen für seine Reinigungsmittel seit Jahren aus recyceltem Material her. Bei den PET-Flaschen des Unternehmens, die zu 100 Prozent aus Rezyklat bestehen, stammen heute bis zu 50 Prozent des Materials aus dem Gelben Sack, der Rest aus der PET-Flaschensammlung. “Unser Ziel ist es, einen perfekten Kreislauf zu schaffen. Wir möchten ein Vorbild für andere Sektoren sein, zum Beispiel für die Lebensmittelindustrie”, so Schneider. Er mahnte jedoch auch die Politik an, die dafür notwendigen fairen Wettbewerbsbedingungen zu setzen. “In Deutschland wird die Verarbeitung von Rohöl zu Kunststoff nach wie vor subventioniert. Das einzige Produkt, das man aus Rohöl herstellen kann, ohne eine einzige Steuer dafür abzutreten, ist Virgin Plastic. Das muss sich ändern”, sagte er. Beispielsweise, indem die europäische Plastiksteuer so eingeführt werde, dass Unternehmen nach dem Verursacherprinzip besteuert würden und die Nutzung von Rezyklat damit verrechnet werde.

 

Kunststoffkreisläufe schließen

 

Auch im zweiten großen Panel des Tages wurden notwendige strukturelle Änderungen diskutiert, und zwar im Kontext von Ressourcenmanagement. Daran nahmen teil Dr. Matthias Eder, Kommunikationsleiter der PreZero Stiftung, die C2C-Expertin Katja Hansen, Peter Kurth, Geschäftsführender Präsident des  Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) sowie Jochen Moesslein, Gründer & Geschäftsführer von Polysecure, der ein System zur Markierung von Produkten und Rohstoffen entwickelt hat, das Stoffströme nachvollziehbar macht. 

 

Kurth sprach sich deutlich für eine entschlossene Politik für Umwelt- und Ressourcenschutz aus. So müsse der Green Deal auch in Deutschland schnell umgesetzt werden. “Das Beispiel Plastik zeigt: der Kreislauf schließt sich nicht von selbst. Wer sagt, der Markt reguliert das selbt, irrt sich”, so Kurth. “Wir als Entsorger wollen gemeinsam mit der Industrie von einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaft gelangen”, ergänzte er. Gleichzeitig appellierte er an die produzierende Industrie und ihre Innovationskraft. “Je besser ein Produkt designt ist, desto besser gelingt das Recycling”, sagte er. Dabei tue es gut, über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken und Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu verändert, mit allen daran Beteiligten. 


Das versucht die Schwarz-Gruppe, zu der neben Lidl und Kaufland auch PreZero als ausgegründeter Entsorgungs- und Recyclingdienstleister gehört. Im vergangenen Jahr habe die Gruppe eigene Kunststoffprodukte auf den Markt gebracht, die zu 95 Prozent aus Rezyklat bestehen, in der kommenden Charge würden 100 Prozent angestrebt, so Eder. “Wir versuchen als Innovator und Vorbild der Branche zu agieren. Die Schließung eines echten Kreislaufs ist möglich, wenn man alle Beteiligten zusammenbringt”, sagte er. 

 

Für Moesslein ist ein weiterer Hebel zur Kreislaufschließung eine deutlichere Definition von gewollten Inhaltsstoffen. Das, so sagte er, verbessere nicht nur die Sortierung sondern auch die Aufbereitung von Materialströmen. “Wir brauchen eine Sortierung wie die Briefsortierung. Genauso effizient könnte man den gelben Sack sortieren”, so Moesslein, der mit Polysecure dazu beitragen will, dies zu erreichen. 

 

Ähnlich wie Moesslein sieht Hansen C2C Design als einen wichtigen Hebel für die Transformation der Kunststoffindustrie. Dazu gehöre auch ein Verzicht auf Additive, die die Recyclingfähigkeit von Materialien negativ beeinflussten. Gleichzeitig könne die Digitalisierung dabei helfen, Stoffströme in einen Kreislauf zu bringen. “Wir brauchen einen Mechanismus, beispielsweise ein Product Circularity Data Sheet, damit die Recycler wissen, welche Materialien in welcher Qualität auf sie zukommen”, so Hansen. 

 

Alle vier Panelist*innen schlossen mit konkreten Forderungen an die kommende Bundesregierung ab. Während Peter Kurth ein Verbot von Deponien forderte, plädierte Moesslein dafür, die Herstellung von kreislauffähigen und positiven Produkte zu belohnen. Eder hofft, dass die Parteien es in Sachen Umwelt- und Klimapolitik nicht nur bei Floskeln im Wahlkampf belassen, sondern das Thema nach der Wahl im Wirtschaftsministerium ansiedeln, um Taten folgen zu lassen. Hansen möchte ein Belohnungssystem für innovative Unternehmen schaffen, die Cradle to Cradle umsetzen. Im Gegensatz zu einem Strafsystem würden so die Vorreiter einer zukunftsfähigen Wirtschaft belohnt. 

 

Frische Cradle to Cradle-Ideen

 

Im letzten Panel des Tages stellten drei Gründer*innen sich und ihr C2C-Geschäftsmodell vor. Lea Lensky ist Co-Gründerin & Geschäftsführerin von Holy Shit, einer studentischen Unternehmensberatung, die bei der Umsetzung von C2C-Projekten unterstützt. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Vivamask, einer Covid-Schutzmaske, die biologisch abbaubar ist und durch austauschbare Einlagen dennoch FFP2-Niveau bietet. Lensky stellte heraus, dass bei der Gründung eines C2C-Unternehmens die Begeisterung für den Ansatz nicht unterschätzt werden darf. “Der Wille, Dinge auf positive Art und Weise zu verändern, muss da sein”, sagte sie. 

 

Dr. Christina Linke ist Co-Gründerin & CEO von Clean Ocean Coatings und stellt Beschichtungen für Schiffsrümpfe her. Eine Innovation, die riesige Auswirkungen haben kann, da 90 Prozent des globalen Warentransports über das Meer erfolgt und die heutigen konventionellen Beschichtungen zum Schutz der Schiffe Schäden in der Umwelt hinterlassen. Das von ihr entwickelte Coating erodiere nicht, sorge für eine glatte Oberfläche und spare so bis zu 6 Prozent Treibstoff ein. Diese Kennzahlen seien neben der umweltpositiven Beschaffenheit wichtig. “Nur mit den Nachhaltigkeitsaspekten alleine gewinnen wir keine Kunden. Wir müssen nicht nur besser für die Umwelt sein, sondern auch einen Mehrwert bieten”, sagte sie. 

 

Ähnlich ist das auch bei Steffen Otten, der den C2C-Sporttextilienhersteller Runamics gegründet hat und leitet. Bei seinen Produkten kommt es neben dem C2C-Aspekt auch auf Funktionalität an. “Wir wollen eine Sportwelt erdenken, die ohne schädlichen Müll auskommt und Sport ermöglichen, der mit gutem Gewissen ausgeübt werden kann”, so Otten. Runamics arbeitet unter anderem mit Bio-Baum- und Merinowolle, aber auch mit künstlichen Fasern wie dem Infinito-Garn von Inogema, das biologisch abbaubar ist.

 

Die drei Panelist*innen waren sich allerdings einig, dass es bisher noch an Fördermitteln und Finanzierungsmöglichkeiten für Startups mangelt. Diese sind nötig, um Innovationen zu fördern, damit es künftig hoffentlich noch mehr C2C-Startups geben wird.

 

Berichte zu den weiteren Programmpunkten der zweiten Etappe folgen in Kürze.